Die DHB-Mannschaft feiert ihren EM-Titel © Jens Wolf/dpa

Um kurz nach sieben wurde die als Spielfeld getarnte Tanzfläche endlich eröffnet. Da waren Deutschlands Handball-Nationalspieler schon minutenlang wie Flummis vor der Ersatzbank umhergesprungen, jedenfalls solche, die nicht bis zur Schlusssirene auf der Platte standen. Das Resultat des Abends war zu diesem Zeitpunkt längst absehbar und löste nicht nur in der mit 16.000 Zuschauern ausverkauften Arena von Krakau ungeahnte Jubelstürme aus. Zum ersten Mal seit 2004 und zum zweiten Mal in der Geschichte hat die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) am Sonntagabend die Europameisterschaft gewonnen. In einem höchst einseitigen Finale setzte sich die Mannschaft von Bundestrainer Dagur Sigurðsson mit 24:17 (10:6) gegen Spanien durch. Erstmals seit 2006 kommt der Europameister damit nicht aus Frankreich oder Dänemark, die sich zuletzt in schöner Regelmäßigkeit mit dem Siegen beim Kontinentalturnier abgewechselt hatten.

"Hinter uns liegen vier anstrengende, aber wahnsinnig schöne Wochen", bilanzierte Sigurðsson, ehe er sich in die taktische Analyse begab und einen Satz sagte, der immer wieder zu hören war an diesem Abend: "Wir haben eine unfassbare Abwehr gespielt, das war der Schlüssel zum Erfolg." 17 Gegentore bedeuteten die wenigsten in der Geschichte eines EM-Finales, der alte Bestwert datierte bislang aus dem Jahr 2008 (20). "Die Deutschen haben so gut gespielt, für uns war es heute unmöglich zu gewinnen", sagte Spaniens Nationaltrainer Manolo Cadenas anerkennend. Bester Werfer der Partie war Rückraumspieler Kai Häfner mit sieben Treffern, noch mehr Eindruck hinterließ aber die Leistung von Torhüter Andreas Wolff, der 50 Prozent aller auf sein Tor abgefeuerten Würfe parierte. "Eine Wahnsinnsquote", sagte Rechtsaußen Tobias Reichmann passend zu diesem Abend der Superlative.

Beide Mannschaften hatten sich bekanntlich bereits in ihrem ersten EM-Vorrundenspiel in Breslau gegenübergestanden, damals noch mit dem besseren Ende für Spanien (32:29) – weil sich das deutsche Team in der ersten Halbzeit eine unerklärliche Schwächephase von zehn Minuten erlaubt hatte. Es war im Grunde die einzige in den letzten zweieinhalb Wochen. "Heute haben wir das Spiel von Beginn an dominiert, gegen so eine Spitzenmannschaft – ich kann es selbst noch nicht richtig fassen", sagte Abwehrchef Hendrik Pekeler, der großen Anteil an diesem Umstand hatte.

Mit Selbstvertrauen und den Fans im Rücken zum Titel

Die Taktik der Deutschen, in der Grundausrichtung defensiver zu stehen und ihren Gegner zu Würfen aus dem Rückraum zu zwingen, statt – wie noch in der Vorrunde – vermehrt die starken Kreis- und Außenspieler ins Spiel einbinden zu lassen, erwies sich als ausgesprochen kluge Maßnahme. Angefeuert wurde die deutsche Mannschaft von erstaunlich vielen Anhängern in Schwarz-Rot-Gold, die überwiegend spontan den Weg in den Südosten Polens angetreten waren und beim Kartenkauf vor der Halle vom frühen Ausscheiden des Gastgebers in der Hauptrunde profitierten. Die DHB-Auswahl begann mit dem Selbstvertrauen, das sie sich zuvor mit sechs Siegen in Serie erarbeitet hatte. Schnell führte sie mit 2:0, musste aber auch schnell eine Schrecksekunde verkraften: Rückraumspieler Fabian Wiede humpelte nach wenigen Minuten vom Feld und konnte erst nach einer Viertelstunde wieder eingreifen. Für ihn wechselte Sigurðsson Kai Häfner ein, der die Deutschen mit seinem Tor zum 34:33 gegen Norwegen ins Endspiel geworfen hatte – und Häfner machte direkt dort weiter, wo er zuletzt aufgehört hatte. Nach seinem dritten Treffer zum zwischenzeitlichen 5:1 (10.) war Spaniens Coach Cadenas zu einer Auszeit gezwungen.

Die Intervention zeigte aber nur bedingt Wirkung. Auch in der Folge fiel den Spaniern selbst in Überzahlsituationen nicht viel ein gegen den ebenso massiven wie beweglichen Abwehrblock des Gegners. Wenn dann tatsächlich mal ein Wurf seinen Weg durch den Mittelblock fand, stand dahinter immer noch der überragende Andreas Wolff im Tor, der das Duell der besten Keeper des Turniers gegen Arpad Šterbik auf der Gegenseite insgesamt deutlich für sich entschied, obwohl auch Šterbik keinen schlechten Tag hatte. Mit der Halbzeitsirene traf Julius Kühn zum 10:6. Wenn es überhaupt einen Kritikpunkt am ersten Durchgang gab, dann war es der, dass die Deutschen einige klare Chancen haben liegen lassen. Tobias Reichmann etwa verwarf einen Siebenmeter an die Latte, es war in zweieinhalb Wochen erst der zweite Fehlversuch des Rechtsaußen, ein dritter sollte zu Beginn der zweiten Halbzeit folgen.

Das machte aber nichts, weil die Defensive um Hendrik Pekeler, Finn Lemke und die weiteren Spezialisten weiterhin kaum Lücken zuließ und die vermeintlich so routinierten Spanier auch zusehends die Nerven verloren, etwa mit zwei vergebenen Siebenmetern. Der Vorsprung der deutschen Mannschaft schmolz zu keinem Zeitpunkt auf weniger als fünf Tore zusammen, auch und vor allem dank Wolff. "Unsere Leistung heute war überragend, sensationell", sagte Sigurðsson, "um das zu sehen, muss man kein Bundestrainer sein". Schließlich deutete Fabian Wiede noch mit einem schönen Satz an, wie der weitere Abend so verlaufen würde für die Nationalspieler und ihren Stab. "Heute gehen wir richtig steil", sagte Wiede, "und zwar alle".

Handball-EM - Deutsche Handballer holen mit 24:17 den Titel In Krakau hat die deutsche Mannschaft Spanien besiegt. Mit ihrem zweiten EM-Titel qualifizieren sich die Handballer für die Olympischen Spiele im Sommer und die WM 2017.