Der Imageschaden für den Leichtathletik-Weltverband IAAF wird immer größer. Die unabhängige Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erhebt schwere Anschuldigungen gegen den Verband. "Die Korruption war in der Organisation verankert", zitierte bereits die Nachrichtenagentur AP vor der Vorstellung des zweiten Wada-Reports zum Doping- und Korruptionsskandal in der Welt-Leichtathletik. Hauptverantwortlich für die "Organisation und Ermöglichung der Verschwörung" sei demnach der frühere IAAF-Präsident Lamine Diack.

Keinesfalls könne aber nur "eine kleine Anzahl von Schurken" dafür verantwortlich gemacht werden. "Es kann nicht als Handlung eines merkwürdigen Abtrünnigen, der auf eigene Faust gehandelt habe, ignoriert oder abgetan werden", heißt es in dem 89-seitigen Report. Zudem gibt es Hinweise, die IAAF habe bereits seit 2009 von dem systematischen Doping in Russland gewusst, und Anschuldigungen, eine große Zahl von auffälligen Blutproben verheimlicht und nicht sanktioniert zu haben.

Der Weltverband IAAF ist in Misskredit geraten, weil Diack von der französischen Justiz wegen der Vertuschung von Dopingfällen gegen Bezahlung angeklagt wurde. Damit soll ermöglicht worden sein, dass russische Athleten trotz positiver Dopingtests bei den Olympischen Spielen 2012 in London und bei den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau an den Start gehen konnten.

Laut den AP-Informationen soll die Olympiateilnahme von Leichtathleten aus Russland, deren für den Athletenpass gesammelte Bluttests auf Doping schließen ließen, durch einen suspekten Deal ermöglicht worden sein. Bei einem Treffen in Moskau vor den London-Spielen, an dem laut Wada-Report Diacks Sohn Papa Massata und der frühere IAAF-Schatzmeister Walentin Balachnitschjow teilgenommen haben, wurde nicht nur der Preis für die TV-Rechte an der WM 2013 in Moskau von sechs Millionen Dollar ausgehandelt. Diacks Sohn kehrte auch mit einem mit 25 Millionen Dollar dotierten Sponsorenvertrag von einer führenden russischen Bank zurück.

Die unabhängige Wada-Kommission unter Vorsitz von Richard Pound und mit Richard McLaren und dem deutschen Kriminalbeamten Günter Younger hatte bereits am 9. November 2015 einen Bericht ihrer Untersuchungen vorgelegt. Darin war nachgewiesen worden, dass es in der russischen Leichtathletik systematisches Doping und Sportbetrug gegeben hat. Die IAAF suspendierte daraufhin Russlands Verband.

Die nun veröffentlichten neuen Erkenntnisse hätten den "kompletten Zusammenbruch der Führungsstrukturen und das Fehlen von Verantwortlichkeit innerhalb der IAAF" ergeben, heißt es in dem Bericht. Es habe einen "gravierenden Mangel an politischem Appetit" gegeben, Russland mit "dem vollen Ausmaß seiner bekannten und befürchteten Dopingaktivitäten" zu konfrontieren. Auch auf Korruption habe die Führung des Weltverbandes "unzulänglich" reagiert, heißt es in dem zweiten Bericht der Wada.

IAAF spricht von Einzelfällen

Die IAAF wies bereits am Montag in einem Bericht an die Wada die Anschuldigung der Vertuschung von Doping zurück und betonte, dass es kein "System der Korruption" im Weltverband gebe und die Vorwürfe nur "einzelne, früher mit der IAAF assoziierte Personen" betreffe.

Die Wada-Kommission kam nach ihren Ermittlungen zu einer anderen Schlussfolgerung. Es habe keine Möglichkeit für die IAAF-Council-Mitglieder gegeben, das Ausmaß des Dopings und die Nichtbeachtung von Regeln nicht wahrzunehmen, heißt es.

Sowohl der heutige Präsident Sebastian Coe (seit August 2015) als auch der deutsche Funktionär Helmut Digel und IOC-Mitglied Sergej Bubka waren viele Jahre in der Diack-Ära Vizepräsidenten. Der Brite Coe beteuerte noch einmal im amerikanischen Fernsehen, die IAAF hätte nichts vertuscht. Er selbst habe wegen seines Jobs als Organisationschef der London-Spiele nicht alles wissen können, was in der IAAF gelaufen ist.