Russell Wilson ist ein Quarterback, der eigentlich kein Quarterback sein dürfte. Wilson misst nur 1,80 Meter. Das klingt nicht besonders klein, aber Tom Brady und Peyton Manning, die erfolgreichsten Quarterbacks der vergangenen 15 Jahre, sind weit über 1,90 Meter. Nur wenige sind kleiner, erfolgreich ist kaum einer von ihnen.

Der Quarterback, der Spielmacher also, sollte groß sein, damit er das Feld auf der Suche nach Empfängern für seine Pässe überblicken kann. Vor ihm stehen fünf Mitspieler, große und breite Fleischberge, die ihn vor den heranwalzenden Gegner beschützen. Und dabei auch die Sicht des Quarterbacks behindern. Größe ist deshalb ein Ausschlusskriterium für eine NFL-Karriere als stilprägender Spieler.

Als Russell Wilson trotzdem von den Seattle Seahawks ausgewählt wurde, im Frühjahr 2012 als 75. Spieler seiner Nachwuchs-Klasse, polterten die besten US-Medien. Seahawks-Coach Pete Carroll und seine Mitstreiter bekamen von manchen sogar ein F, die Note Sechs, für ihre Auswahl verpasst. Russell Wilson sei vor allem zu klein für den Job, physisch ungeeignet. Dass mit Chris Weinke ein populärer Quarterback-Trainer gemahnt hatte, dass Wilson mit ein paar Zentimetern mehr der beste Quarterback des Jahrgangs wäre, interessierte kaum jemanden.

Jahrhundertmalheur im Jahrhundertspiel

Die anfängliche Kritik wich zunächst der allgemeinen Verwunderung: In seinen ersten Trainingscamps in der NFL eroberte sich Wilson von der Reservebank aus den Startplatz und verdrängte den millionenschweren Neuzugang Matt Flynn. In seiner Debütsaison führte er die Seahawks als aufregendste Mannschaft der Liga in die Playoffs. Im zweiten Jahr gewann er den Super Bowl, gegen den Quarterback-Riesen Peyton Manning. Der Rapper Eminem erwähnte Wilson in einem Song. Im vergangenen Jahr fehlte den Seahawks nur ein Yard zur Titelverteidigung, dann warf Wilson Sekunden vor Schluss den Fehlpass. Ein Jahrhundertmalheur im Jahrhundertendspiel gegen Tom Bradys New England Patriots. Russel Wilson war der Versager.

Ein Ruf, der ihn auch bei den großen Erfolgen immer im Stillen begleitet hatte. Der Erfolg seiner Seahawks wurde vor allem den Teamkollegen zugeschrieben. Da wäre zum Beispiel die den Gegner nicht nur besiegende, sondern stets demütigende Passverteidigung namens "Legion of Boom". Oder der Runningback Marshawn Lynch, der seinen eigentlichen Chef Wilson zum Adjutanten machte. Der Kampfname von Lynch, als ob sein echter noch nicht bedrohender genug wäre: Beast Mode. So hieß er spätestens, seitdem er im Pazifischen Nordwesten mit dem Beastquake-Lauf ein seismografisch belegtes Erdbeben ausgelöst hatte.

Wilson nannten Kritiker und Experten einen Game Manager. Einen Quarterback, der die Spiele nicht gewinnt, aber immerhin die Leistung seiner Mitspieler nicht kaputt macht und das Verlieren vermeidet. Ein Verwalter des Erfolgs. Die, die es gut mit ihm meinten, benannten ihn wegen seiner unkonventionellen Spielweise nach dem Entfesselungskünstler Houdini. Immer wieder konnte er sich befreien, ducken, herauswinden, um nach sekundenlangem Herumirren noch einen guten Ball in die gegnerische Endzone zu schmeißen. Spektakulär sah das aus, doch weder war es eine gesunde Spielweise noch die bei NFL-Traditionalisten geliebte klassische Quarterback-Schule.