ZEIT ONLINE: Herr Pichler, Ruhpolding ist am vergangenen Wochenende für Oberhof eingesprungen. Jetzt steht Ihr eigener Weltcup an. Ausnahmezustand in Ihrer Stadt?

Claus Pichler: Die Weltcupwoche ist bei uns die fünfte Jahreszeit. Die Menschen, die zu uns kommen, um diese Woche mitzuerleben, wollen fröhlich sein. Da kommt es vor, dass im Bus ins Stadion die Holländer das eine Lied anstimmen, die Norweger ein anderes und man sich gegenseitig zuprostet. Es herrscht in vielerlei Hinsicht eine ganz andere Atmosphäre. Wir haben viele Besucher aus vielen Ländern und das Biathlonpublikum ist eines der liebenswürdigsten und fairsten, die es im Sport gibt.

ZEIT ONLINE: Und alle wollen nach Ruhpolding. Warum?

Pichler: Das stimmt, wir sind so etwas wie das Wimbledon des Biathlon. Es hängt eng damit zusammen, dass es bei uns ein paar Pioniere gegeben hat. Zum einen den Theo Merkel, der in den sechziger Jahren als Olympiateilnehmer aktiv war, als Biathlon noch ein Militärsport nur für Männer war. Dann mein Vorgänger im Bürgermeisteramt, der Franz Schneider, und ich glaube auch sagen zu dürfen, mein Vater, der das Biathlonstadion über viele Jahre aufgebaut hat. Sie alle haben mit unkonventionellen Methoden und viel ehrenamtlichem Einsatz an diesem Projekt gearbeitet. Es hat ja ganz klein begonnen. Ich weiß noch gut, wie mein Vater erstmals heimkam und gesagt hat: "Heute hatten wir 1.000 Zuschauer!" Das war sensationell damals.

ZEIT ONLINE: Mittlerweile sind es 50-mal so viele.

Pichler: 1979 hatten wir erstmals eine Weltmeisterschaft. Das hat sich dann nach und nach entwickelt. Wir haben das erste Damenrennen organisiert und viele Wettbewerbe wurden mit der Zeit so umgestaltet, dass sie am Fernsehen besser nachzuvollziehen sind. Das Verfolgungsrennen zum Beispiel, wo man immer sieht, wer in Führung ist. Oder den Massenstart.

ZEIT ONLINE: Es gibt aber auch immer wieder Kritik, dass es zu viel sein könnte. Dass das Fernsehen zu viel diktiert. Sie selbst haben sich gegen Nachtrennen unter Flutlicht ausgesprochen.

Pichler: Bei uns möchte das der Fan nicht. Die wollen das Rennen am Tag sehen und dann abends etwas anderes machen. Für mich als Veranstalter bedeutet so ein Nachtrennen natürlich einen größeren Aufwand, also höhere Kosten. Deswegen reden wir darüber mit dem Weltverband. Die Sportler mögen die Rennen übrigens auch nicht, wegen des Biorhythmus.

ZEIT ONLINE: Ruhpolding lebt vom Tourismus, zum größten Teil vom Sommertourismus. Durch Biathlon verdienen Sie auch im Winter.

Pichler: Ruhpolding wäre ärmer ohne Biathlon. Aber auch Biathlon wäre ärmer ohne Ruhpolding.

ZEIT ONLINE: Wie viel bleibt unterm Strich nach so einer Weltcupwoche?

Pichler: Das ist nicht zu beziffern. Im vergangenen Jahr mussten wir als Organisatoren mit einem Defizit zurechtkommen, jetzt hoffen wir auf die schwarze null. Allerdings ist da nicht eingerechnet, was wir an Wirtschaftskraft gewinnen, also was die Fans in Hotels und Restaurants ausgeben. Das ist für uns natürlich sehr wichtig, aber kaum zu messen.

ZEIT ONLINE: Sie müssten der Seismograf dafür sein, wie es um den Biathlon in Deutschland steht. Werden die Tribünen in diesem Jahr weniger voll sein als in den Hochzeiten von Magdalena Neuner?

Pichler: Rund um Magdalena Neuner hat es schon einen Hype gegeben, um dieses unschöne Wort zu gebrauchen. Vor allem nach der Ankündigung ihres Rücktritts haben viele gesagt: Das muss ich nochmal erleben, das ist die letzte Chance. Aber die jetzige Entwicklung schaut auch wieder sehr gut aus. Die deutschen Sportler sind bei den Frauen und Männern gut aufgestellt. Der Vorverkauf war deshalb vergleichsweise gut. Aber wir liegen schon deutlich unter dem WM-Niveau von 2012. Die Zahlen schwanken, das ist ganz normal und liegt auch an externen Faktoren. Wir hatten in den vergangenen Tagen viel Schnee. Das könnte Kurzentschlossene davon abhalten, anzureisen.

ZEIT ONLINE: Wenigstens haben Sie Schnee. Oberhof musste passen, es halfen nicht mal Schneekanonen, die den unter ökologischen Aspekten etwas ungünstigen Kunstschnee produzieren.

Pichler: Es gibt europaweit keine Wintersportveranstaltungen ohne künstlich hergestellten Schnee. Keine! Schnee wird mit Kälte produziert, mit Wasser und Kälte. Es gibt keine Chemie oder sonstige Zusatzmittel, aber es ist sehr energieintensiv, alles andere wäre gelogen. Aber solange wir nicht chemisch in die Natur eingreifen, halte ich das für verantwortbar. Wenn man sich überlegt, was solche Veranstaltungen für einen Vorlauf haben, kann man nicht einfach sagen: Wir warten, bis wir wieder Naturschnee haben, dann machen wir die Übertragung. Am Ende ist es eine Grundsatzentscheidung. Was mache ich, wenn die ganze Karawane, der ganze Medientross schon da ist? Wenn alles aufgebaut und angerichtet ist? Wenn ich minus acht Grad habe und mit kalten Wasser und, ja, hohem Energieverbrauch, aber in einer Form, die für mich nachvollziehbar ist, Kunstschnee produzieren und damit den Wettkampf durchführen kann, halte ich das für das geringe Übel, als den Wettkampf abzusagen.