Er wollte raus, sagt Nico Balthasar. Nicht einfach nur ein freiwilliges soziales Jahr machen, sondern die Welt sehen. Eigentlich hatte er sich für ein Entwicklungshilfeprogramm beworben, dass der Region Mwanza im äußersten Nordwesten Tansania zugute kommen soll. Damals saß er noch in Würzburg und bereitete sich auf die letzten Prüfungen seines Studiums vor. Ein Jahr später ist er sportlicher Leiter eines Fußball-Erstligisten. Mit 30 Jahren. Geplant hatte er das nicht. Es hat sich einfach ergeben. Damit passt er bestens in seine derzeitige Umgebung, denn nach Plan läuft in Tansania so gut wie nichts. Das macht seine Aufgabe nicht leichter. Aber spannender.

Toto African heißt seine Mannschaft. Nachdem sie im Sommer den Aufstieg in die erste Liga geschafft hatte, wurde Balthasar erst Berater für Organisation und Marketing. Im November dann die unerwartete Beförderung. Nachdem der Präsident und Teile des Vorstands neu bestellt wurden, wurde er gebeten, die Rolle des sportlichen Leiters zu übernehmen. Unterschriftsbefugnis inklusive.

Der jüngste, unerfahrenste und günstigste Kader der Liga

In seiner jüngeren Vergangenheit galt der Verein als Problemkind des tansanischen Fußballs. Die ohnehin viel zu knappen Gelder verschwanden auf kaum nachvollziehbare Art und Weise. Und wenn die Konten mal wieder leer waren, wurde der Club eben anderweitig ausgehöhlt. So kassierte ein Funktionär im Aufstiegsjahr gleich einen kompletten Satz Mannschaftstrikots ein. Zu einer Zeit, in der der gesamte Verein weniger als zehn Bälle besaß. Auch vor Beginn der aktuellen Spielzeit mussten erst verschiedene Trikotsätze zusammengeworfen werden, um überhaupt den Trainingsbetrieb aufrechtzuerhalten.

Nicht, dass die sportlichen Herausforderung nicht groß genug wären. Toto African stellt den mit Abstand jüngsten, unerfahrensten und günstigsten Kader der Liga. Die größten Etats in Tansania liegen bei etwa zwei Millionen Euro für die Saison – gehobenes Regionalliga-Niveau. Der Aufsteiger aus Mwanza muss mit gut einem Zehntel auskommen. Und um jeden Bruchteil dieses Zehntels kämpfen. Aber genau dafür sind sie angetreten beim Projekt Toto. Um klassische Entwicklungsarbeit zu leisten: Hilfe zur Selbsthilfe.

Sportlich hat sich das schnell bewährt. Die beiden deutschen Trainer, die die Mannschaft zusammen mit zwei einheimischen Übungsleitern betreuen, haben gute Arbeit geleistet. Als Abstiegskandidat Nummer eins in die Spielzeit gegangen, liegt Toto African nach derzeit 14 Spieltagen und 17 Punkten auf dem achten Platz. Die deutsche Note tut der Mannschaft gut. "Athletisch und technisch haben die überwiegend jungen Spieler oft ein fast schon überragendes Potenzial", sagt Balthasar. Doch vor allem taktisch liegt vieles im Argen. Was nicht zuletzt den Plätzen geschuldet ist, auf denen Training und Spiele stattfinden. Die sind von einem Rasenplatz, wie ihn in Deutschland jeder bessere Kreisklasseverein sein eigen nennt, so weit entfernt wie Mwanza von Würzburg. Dementsprechend viele lange Bälle und Zweikämpfe gibt es.

Beim Medizincheck tauchen Spieler auf, die die Trainer nie zuvor gesehen haben

Dabei ist Tansania ein einziger, ungehobener Fußballschatz. Da ist sich Nico Balthasar sicher. Und erzählt davon, wie Jürgen Seitz, Gründer der Football-Charity FC Mwanza, für die Balthasar ursprünglich arbeiten sollte, 2012 auf große Deutschland-Tour ging. Mit einer U20-Mannschaft der talentiertesten Nachwuchskicker seines Camps. Gegen gleich fünf U19-Teams aus der ersten und zweiten Bundesliga trat die Auswahl der Academy an, gewann drei und verlor keines der Spiele. Beim 3:2-Erfolg über die seit jeher hochgelobte Juniorenauswahl des VfB Stuttgart überzeugte ein Spieler ganz besonders: Innenverteidiger Carlos. Der VfB lud zum Probetraining, Carlos überzeugte. Gern hätten ihn die Stuttgarter für ihre zweite Mannschaft verpflichtet. Doch ohne Profivertrag kein Bleiberecht.

Gut für Toto African, die von der Talentförderung vor Ort profitieren. So setzt sich der aktuelle Kader fast ausschließlich aus einheimischen Talenten zusammen. Was zumindest anfangs nicht überall auf Gegenliebe stieß. Als der Club vor der Saison zum großen Spielercasting aufrief, hatten sich auch einige Recken mit reichlich Erstligaerfahrung Hoffnung auf einen Vertrag beim Aufsteiger gemacht. In den endgültigen 25er-Kader schafften sie es nicht. Die Trainer achteten bei der Auswahl der Spieler eher auf technisch-taktisches Talent als auf Athletik und Erfahrung.

Sehr zum Unwohl der Anhänger, die am finalen Trainingstag die Clubanlage säumten. So blockierten sie kurzerhand lauthals den Bus, der die Auserwählten im direkten Anschluss zum Medizincheck bringen sollte. Man stelle sich eine Sitzblockade bei einem deutschen Bundesligisten vor, nur weil die Fans mit den Neuverpflichtungen des Vereins nicht zufrieden sind. Als sich die Gemüter am nächsten Tag beruhigt hatten, folgte die nächste Überraschung: Im Krankenhaus angekommen, sahen sich die Trainer plötzlich Spielern gegenüber, die sie nie zuvor gesehen hatten. Einige Vereinsoffizielle waren offenbar über Nacht zu der Erkenntnis gekommen, dass es vielleicht doch keinen Unterschied machen würde, ob der Kader nun 25 oder 27 Spieler umfasse. Dann könne doch auch ihr guter Bekannter Mitglied der Mannschaft werden.