Jo-Wilfried Tsonga bei den Australian Open © Darrian Traynor/Getty Images

Tenniszirkus, den Begriff gibt es seit Jahrzehnten. Er bezieht sich auf die immer gleichen Akteure, die das ganze Jahr von Turnier zu Turnier durch die Welt ziehen, wo sie statt in Zirkuszelten ihre Künste in großen Hallen oder Stadien darbieten. Jetzt könnte noch ein weiterer Zirkusaspekt hinzukommen: Einige Aufführungen sind vorher abgesprochen und einstudiert. Wie es ausgeht, steht vorher fest.

Die BBC und der amerikanische Newsservice Buzzfeed berichten von 16 Tennisprofis aus den Top 50 der Welt, die in den vergangenen Jahren in Spielabsprachen verwickelt gewesen sein sollen. Die Informationen basieren auf vertraulichen Dokumenten von Whistleblowern. Die Vorwürfe treffen nicht etwa Wald-und-Wiesen-Turniere, sondern Partien im heiligen Wimbledon. Auch ein Grand-Slam-Sieger soll unter den Beschuldigten sein. Namen veröffentlichten BBC und Buzzfeed nicht, auch so aber steht fest: Sollten sich die Vorwürfe erhärten, steht  Tennis zum Start der Australian Open vor seiner größten Krise.

Wenn der große Favorit verletzt aufgibt

Vorwürfe dieser Art sind im Tennis nicht neu, das sich gern das Image des weißen, edlen Sports gibt. Der prominenteste Verdachtsfall war der des russischen Profis Nikolai Dawidenko. 2007 verlor Dawidenko, damals Nummer vier der Weltrangliste, beim Turnier in Sopot überraschend sein Match gegen den Argentinier Martin Vassallo Arguello, Nummer 87, nachdem er den ersten Satz wie erwartet gewonnen hatte und im zweiten Satz mit einem Break führte. Die Wetteinsätze auf das Spiel waren ungewöhnlich hoch, insgesamt umgerechnet fast fünf Millionen Euro, mehr als zehnmal so viel wie sonst. Und ein Großteil des Geldes wurde auf eine Niederlage des Favoriten Dawidenko gesetzt, auch und vor allem als das Spiel noch lief und er wie der Sieger aussah. Am Ende gab Dawidenko verletzt auf.

Buzzfeed und die BBC haben nun neue geheime Dokumente veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass 72 Spiele mit 28 beteiligten Spielern unter Verdacht stehen, manipuliert gewesen zu sein. Mithilfe eines Algorithmus analysierte Buzzfeed zusätzlich die Wettbewegungen von 26.000 Tennisspielen der vergangenen sieben Jahre. Solche Algorithmen dienen als Alarmsystem. Sie springen an, wenn sich Wettquoten schnell und in ungewöhnlichem Ausmaß verändern, ein Hinweis auf Manipulationen. Am Ende stachen 15 Profis heraus, die regelmäßig Spiele verloren haben, bei denen das Warnsystem anschlug. Vier dieser Spieler verloren fast alle der verdächtigen Spiele. Die Chancen dazu standen laut Buzzfeed bei 1 zu 1.000.

Die Veröffentlichungen zeigen ein Problem des Spitzensports, das zu unrecht unterschätzt wird. Mit Berichten über korrupte Funktionäre etwa im Fußballweltverband Fifa lassen prima Schlagzeilen füllen. Zwar ist Korruption, etwa bei WM-Vergaben oder wenn es um den Verkauf von TV-Rechten geht, übel, die Machenschaften aber spielen sich in Hinterzimmern ab – fernab des eigentlichen Sports. Wenn aber Spielergebnisse manipuliert werden, sind die Profis selbst involviert. Matchfixing gefährdet unmittelbar die Integrität des Wettbewerbs. Auch wer leistungssteigernde Mittel einnimmt, betrügt, aber immerhin will er das größte Ziel des Sports erreichen und gewinnen. Deshalb ist absichtliches Verlieren womöglich ein noch größerer Betrug als Doping.

100 Milliarden Euro werden gewaschen

Tatsächlich sind Sportwetten ein riesiges Geschäft, das Ermittlungsbehörden seit Langem beschäftigt. Allein in Deutschland sollen bei den offiziellen Buchmachern etwa vier Milliarden Euro jährlich umgesetzt werden. Die meisten Wetten aber finden weltweit auf dem Schwarzmarkt statt, was auch die organisierte Kriminalität interessiert. So sollen jährlich umgerechnet etwa 100 Milliarden Euro über Wetten gewaschen werden, schreiben Experten. Betroffen sind demnach vor allem Fußball und Cricket. In Deutschland machte der Fall von Robert Hoyzer aus dem Jahr 2005 Furore, der als Schiedsrichter Spiele verschob. 2009 ermittelte die Staatsanwaltschaft Bochum, dass in neun europäischen Ländern mindestens 200 Fußballspiele manipuliert worden sind, darunter 32 in Deutschland, von der Zweiten Liga bis in den Juniorenbereich.

Während es in Mannschaftssportarten wie Cricket oder Fußball verhältnismäßig schwer ist zu manipulieren, weil es mehr als einen Spieler braucht, der absichtlich schlecht spielt, ist Tennis prädestiniert für Betrug. Wenn man einen Sport zum Schummeln erfinden würde, wäre es Tennis. Als Einzelsportart braucht es nur einen Spieler, um ein Spiel zu manipulieren. Und für den Zuschauer ist es kaum zu erkennen, ob dieser Doppelfehler oder Ball ins Netz nun Absicht war oder eben Pech.