Der Fußball ist eine Auster, die wir mit dem Schwert öffnen müssen. Aus diesem Grunde müssen Schlachten geschlagen, Einzelkämpfer zu Helden gestaltet und die Vergangenheit des Clubs zu einem einzigen Pamps der Glückseligkeit zerkocht werden. So unterschiedlich der 1. FC Union Berlin und der BFC Dynamo ihre 50-Jahre-Jubiläen gestalteten, ging es letztlich darum, ihre Anhänger vollgestopft mit Hoffnung und Zuversicht in den Berliner Nachthimmel zu entlassen. Daneben Bierschwemme, Fleisch, Humtata.

Entflammt sind sie alle. In echter, in einzig wahrer Liebe. Zu ihrem Verein, ihren Farben. Hier Rotweiß, dort Weinrotweiß. Wo der normale Zeitgenosse keinen großen Unterschied sieht, erkennt der Experte Gräben, gegen die der Mariannengraben eine Ritze ist.

Der BFC feierte im Moabiter Loewesaal mit eintausend Menschen. Klang ein wenig gruselig. War es bestimmt für einige Hohenschönhausener, die zum ersten Mal nach Westberlin kamen. Vorwärts immer! Zurück gucken ist aber auch schön. Weiße Tischdecke, weiße Stühle, weiße Wände: Andie Thom. Ja, der leibhaftige AT, eben jener, der bis vor Kurzem eher auf Distanz machte. Die wichtigste Frage: Wer springt Null Uhr im weinroten Trainingsanzug aus der Torte? Nein, es war nicht der Unionpräsident. Die Sause wurde von zwei bekannten Fans moderiert, die ihre gemütlichen Bäuche und die geschundenen Fanseelen streichelten.

"Erich Mielke hat in seinem Leben viel falsch gemacht, mit der Gründung des BFC im Januar 1966 hat er einmal was richtig gemacht", sagte Peter Meyer, der wichtigste Mann beim BFC. Daneben war naturgemäß der BFC immer schon anders, eben der ganz besondere Verein, mit einzigartigen Fans und Schunkelblues. Plötzlich läuft Bernd Schulz an mir vorbei, der mir in seiner Steifheit immer wie der Ausbund eines Volkspolizisten erschien. Vierzehn Jahre BFC. Wichtigster Berliner Protagonist des Schandelfmeters von Leipzig 1986. Neben Schiri Stumpf, der nach dem Spiel, das viele Nicht-BFCler für verpfiffen hielten, nie wieder Schiedsrichter sein durfte. Klarer und wahrer Spaß am Rande: Herr Schulz stand 1990 für ein halbes Jahr bei Union unter Vertrag.

Dynamo 2016 heißt, goldene Momente vergangener Zeiten zu liebkosen. Wir kommen aus der Hauptstadt, Bananen satt! Kinskische Grandezza. Stasi, Neid, Erfolg. Auch Jürgen Bogs. Andreas Thom. Thomas Doll. Frank Rohde. 17 Millionen Mark. Einige tanzen, um sich zu erinnern, andere tanzen, um zu vergessen. Man muss tiefer glauben. Dann wird ein zugiger Schlackeplatz zum Wembleystadion. Hier spricht ein großes Herz die deutsche Sprache. Gefühlsschaschlik, blubbernder Pudding, monchichihaft dreinblickende Fans suchen bisschen Balsam für die Seele. Null Uhr ein Ständchen, ne Art Punkband. Immerhin nicht Frank Schöbel oder die schrecklichen Puhdys. Die Punker sangen Schweinigeleien, ich verstand Strapse am Mütterchen, Ährenkranz in der Mitte, oben drüber das Logo des BFC.

1966 bis 1989 schien dem BFC die Sonne angenehm aufs Haupt. Seit 2014 spielt der BFC endlich in der Regionalliga, dazwischen lagen fünfundzwanzig Jahre Leid.

Bei Union in etwa alles umgekehrt. Union im Velodrom mit viertausend Erdenbürgern. Karl May Festspiele meets die go(a)ldenen Kehlen aus Bulgarien. Ziemlich clever, die Hauptversammlung mit der Feier zu verbinden. Berlins Oberindianer Herr Müller blies 1.800 Sekunden die Wundertüte und schlüpfte zum Schluss in ein rotweißes Gewand. Eingangs mit Pfiffen begrüßt, brachte er das Volk mit knorken Ansagen (immer schon anders, der ganz besondere Verein, einzigartige Fans und ähnlicher Schunkelblues) zum Rasen. Bravo, Wahlkampftrainingsnote eins.