Asli Çakir Alptekin ist eine türkische 1500-Meter-Läuferin. 2012 gewann sie olympisches Gold, der Titel wurde ihr aber später wieder aberkannt, wegen Dopings. Keine ungewöhnliche Geschichte aus der Leichtathletik, man hat sich daran gewöhnt. Spätestens seit  Donnerstag aber weiß man, wie der Weltleichtathletikverband (IAAF) Betrüger wie Alptekin Hintertürchen öffnen wollte. Sie haben sie erpresst.

Wenige Monate nach dem Goldlauf von London trafen sich Alptekins Berater auf Wunsch von Papa Massata Diack, dem Bruder des damaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack, in Monaco. Papa Massata Diack war als Marketing-Berater bei der IAAF angestellt und verlangte zuerst 650.000, dann 350.000 Euro von den Unterhändlern, um die auffälligen Werte von Alptekin verschwinden zu lassen. Diack bot an, einer gedopten Olympiasiegerin die Schuld abzukaufen. Die Unterhändler sagten, sie hätten das Geld nicht und reisten wieder ab.

Bei einem zweiten Treffen in Istanbul einigten sich Alptekin, ihr Mann und Diack auf eine erste Überweisung von 35.000 Euro, das restliche Geld sollte folgen. Ein Jahr verging und die Alptekins wurden erneut kontaktiert, beide Male sollten sie Geld an Diack überweisen. Insgesamt flossen mehr als 50.000 Euro von der Sportlerin in die Kassen der IAAF-Funktionäre, bevor der Weltverband im Februar 2014 doch ein Verfahren einleitete, das die Türkin die Goldmedaille kostete. Sie hatte schlicht zu wenig Geld überwiesen.

So steht es im am Donnerstag veröffentlichten Bericht der Untersuchungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Ein erschütterndes Dokument. Der Erpressungsfall Alptekin nimmt dabei nur drei von 90 Seiten ein und ist nach Einschätzung der Wada-Kommission kein Einzelfall. Schon der erste Bericht hatte im November an der Integrität einer ganzen Sportart zweifeln lassen: Die russischen Leichtathleten wurden auf Empfehlung der Kommission von allen Wettbewerben suspendiert und bangen seitdem um ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Und die Wada versprach damals im November, nur die Spitze des Eisbergs aufgedeckt zu haben.

Während der erste Bericht vor allem auf Russland und das über Jahre gewachsene systematische Dopingsystem zielte, dreht sich das neue Schriftstück um die Korruption im Weltverband. Die Kernaussage: Korruption war keine Ausnahme, sondern Teil des Systems, Geschäftspraxis. Nicht einzelne Abtrünnige waren die Bösen, sondern der komplette Führungszirkel um Lamine Diack zimmerte sich einen Selbstbedienungsladen, der einmalig in der Geschichte des organisierten Sports war. Erst die Recherchen des ARD-Journalisten Hajo Seppelt und der Mut dreier Whistleblower zertrümmerte die Scheinwelt und legte den Blick auf die kriminell Organisierten frei.

Hinge an diesem Bericht nicht die Zukunft eines Sports, hätte er eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch sicher gehabt: Der  Ex-IAAF-Präsident Lamine Diack war der Drahtzieher des Systems und verantwortet den desolaten Zustand der Leichtathletik. Er traf wichtige Personalentscheidungen allein, seine Söhne Papa Massata und Khalil hob er in lukrative Beraterpositionen. Papa Massata wird mittlerweile wegen Bestechung, Geldwäsche und Erpressung per internationalem Haftbefehl von Interpol gesucht.

Als Kontaktmann zu den russischen Funktionären und Trainern installierte Diack den Anwalt Habib Cissé in der Anti-Doping-Behörde der IAAF, der von der Materie zwar keine Ahnung hatte, aber dafür ein gefügiger Freund Diacks war. Die Behörde leitete Gabriel Dollé. Zusammen übermittelten Cissé und Dolé im Stillen auffällige russische Blutprofile an die Trainer und Funktionäre in Russland. Erst so wurde der historische Vorgang möglich, dass der Weltverband wusste, ja billigte, dass gedopte Sportler trotzdem am Start standen. Sie hatten ja nichts zu befürchten. Andere Athleten, wie die britische 10.000 Meter-Europameisterin Jo Pavey, klagen nun: "Man fragt sich, wie viel Medaillen man verpasst hat." Die sauberen Sportler leiden unter diesem Skandal am meisten.

Der Bericht enthält noch andere brisante Auslöser für künftige Ermittlungen: In einer Randnotiz vermerken die Autoren, dass auch die Vergabe der Olympischen Spiele 2020 nach Tokio eine Rolle spielte. Tokio zahlte fünf Millionen Dollar an die Diamond League der IAAF, Istanbul, gegen die sich Tokio in der Stichwahl durchsetzen konnte, wollte nicht zahlen. Die Stimme des IOC-Mitglieds Diack war weg.

Auch der mächtigste Sportpolitiker kommt vor: Wladimir Putin. Kurz vor der WM 2013 in Moskau musste Diack verhindern, dass auffällige Sportler aus Russland bei der Heim-WM an den Start gingen. Sonst wäre der Schwindel aufgeflogen. "Lamine Diack war in einer schwierigen Situation, die nur durch Präsident Putin gelöst werden konnte, mit dem er befreundet war", heißt es in dem Bericht.  Bei der IAAF war jedenfalls kein Wille zu sehen, Russland mit dem vollen Ausmaß ihres Dopingproblems zu konfrontieren. Dafür lief der Betrug schon zu lange. Andere drängende Themen wie die Verdachtsmomente in Kenia und Jamaika sparen die Ermittler sogar noch aus.