Handball : Die Alternative für Deutschland

Blutnah und widerständig: Wir haben den Handball wiederentdeckt. Weil diese Mannschaft eine kartoffeldeutsche Sehnsucht bedient, die gerade wieder schwer im Kommen ist.
Urwüchsig, herkunftsstark, heimatverbunden © JANEK SKARZYNSKI/AFP/Getty Images

17,7 Millionen Zuschauer können sich angeblich nicht täuschen. So viele Menschen verfolgten den deutschen Handballsieg in Krakau am Bildschirm. Eine beeindruckende Quote, an die sich sogleich kühne Expansionsträume koppelten. Handball als neuer Boomsport, Handball als neue Nummer zwei auf dem Fernsehmarkt, Handball als echte Alternative zum Fußball! Wird das was?

Betrachten wir das Potenzial des Handballs zunächst vom Standpunkt des Euphorie spendenden Titelgewinns. Welche Geschichte schrieb diese Mannschaft? Niemand hatte das extrem junge, unerfahrene Team auf der Rechnung. Stars gab es nicht, Leistungsträger fielen im Turnier verletzt aus. So konnte der Underdog auf die beliebteste aller ballsportdeutschen Selbstbeschreibungen zurückgreifen, die der "mannschaftlichen Geschlossenheit". Ohne Wundertorwart geht es natürlich auch nicht. Und im Finale schlug man dann – oh, ewige Wiederkehr des mythisch Gleichen! – Spanien, just jene mit Ausnahmeindividualisten gespickte Meistertruppe, gegen die man in der Vorrunde noch klar verloren hatte.

Wolfram Eilenberger

Der Publizist und Philosoph Wolfram Eilenberger ist Chefredakteur des Philosophie Magazins, hat einen Trainerschein und spielt im linken Mittelfeld der deutschen Autoren-Nationalmannschaft. Seit Mai 2015 schreibt er Eilenbergers Kabinenpredigt, seine monatliche Fußballkolumne auf ZEIT ONLINE.

Unvermeidlich, dass im Angesicht des Unfassbaren sogleich die Rede eines "Wunders von Krakau" die Runde machte. Manch einer wähnt uns gar am Beginn einer neuen Siegesära. Die amateurnahe Anmutung der jungen Wilden macht die Truppe jedenfalls bereits jetzt zum eigentlichen Hoffnungsteam der Olympischen Spiele in Rio. Authentizität im Auftritt mischt sich mit schmerzaffiner Unmittelbarkeit: Kein Winseln, kein Wälzen, kein Reklamieren. Keine eingestickten Hundenamen auf Finalschuhen! Ehrlicher Sport von ehrlichen Männern für ehrliche Bürger, herzhaft, blutnah, widerständig.

Mit seiner auf maximale Körperintensität ausgelegten Spiellogik verspricht der Handball mit anderen Worten eben jenes Sehnsuchtsloch zu füllen, das ein rundum familientauglich gemachter, oberflächengeglätteter und spieltaktisch feminisierter Profifußball ins Herz vieler Nostalgiker gerissen hat. Zwei-Meter-Hünen, die aus vollem Lauf permanent aufeinanderkrachen, nur ohne Rüstung, lästige Pausen und affiges Event-Buhei. Handball, der neue Männersport für alle, denen Cage-Fighting zu krass, American Football zu amerikanisch und Darts zu fett ist.

Was uns zur soziologisch-geografischen Verankerung des neuen Trendkandidaten bringt: Sie passt tatsächlich wie die Faust aufs Auge. Denkt man entlang der großen Entscheidungsachsen "Stadt vs. Land" oder "Metropole vs. Provinz", weiß sich der Handball positioniert. In der Bundesliga keilen sich seit Jahrzehnten Kreisstädte auf Weltniveau. Der Versuch, den Sport in einer Metropole wie Hamburg erfolgreich zu etablieren, ging in Gestalt des HSV unlängst grandios daneben. Und selbst die Berliner Füchse kommen, nun ja, aus Reinickendorf. Handballwelthauptstadt ist seit einem Jahrzehnt Kiel.

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Kommentare

536 Kommentare Seite 1 von 79 Kommentieren

Die haben die gleiche Sozialisierung wie ich.
Aähnlichen Stoff in der Schule gelernt, ähnliche Musik im Radio gehört, die gleichen blöden oder schlauen Sprüche gehört.
Im Fall von Hanball, hätte ich da vllt. gestanden, wenn ich deutlich besser gewesen wäre, aber die sind besser. Gegen die habe ich im Prinzip gespielt (okay ch bin was älter).
Der Sohn eines Bekannten, ist in der deutschen Hockes (Jugend) Nationalmannschaft, soll ich jetzt für Pakistan sein.
Der Mensch definiert sich auch über Gruppen, die Natinalität, ist dabei keine willkürliche, sondern eine naheliegende, da es viele Gemainsamleiten gibt.
Die meisten halten zu der Gruppem deren Ursprung sie teilen, gaibt auch immer welche, die für iegdenjemand anden halten, mesit um sich abzugrenzen. Aber damit ist man eben abgegrenzt, macht weniger Spaß.

"Was hat die Handballnationalmannschaft mit Frauke Petry zu tun? Also, das ist irgendwie absurd."

Beide liegen vorurteilsnavigatorisch östlich des Ursprungsort des Autors. Schließlich ist Handball ja der Sport der dörflichen Prügler aus dem Osten (vgl. Reinickendorf). Nicht etwa, dass dort einfach mal noch Vereinsstrukturen aus DDR Zeiten bestanden, die einen anderen Sport als Fußball unterstützten, und daher der Nachwuchs auch mal zum Handball ging als in die vierzehnte Jugendmannschaft der FCs.

[...]

Gekürzt. Bitte argumentieren Sie sachbezogen. Danke, die Redaktion/dm