Liebe Leserinnen und Leser, uns erreicht nicht nur hier in den Kommentaren, sondern auch auf einigen anderen Kanälen zum Teil sehr harsche Kritik an folgendem Kolumnen-Beitrag von Wolfram Eilenberger. Wir haben das zum Anlass genommen, einen weiteren Beitrag zum Thema Handball und Diversität folgen zu lassen.

17,7 Millionen Zuschauer können sich angeblich nicht täuschen. So viele Menschen verfolgten den deutschen Handballsieg in Krakau am Bildschirm. Eine beeindruckende Quote, an die sich sogleich kühne Expansionsträume koppelten. Handball als neuer Boomsport, Handball als neue Nummer zwei auf dem Fernsehmarkt, Handball als echte Alternative zum Fußball! Wird das was?

Betrachten wir das Potenzial des Handballs zunächst vom Standpunkt des Euphorie spendenden Titelgewinns. Welche Geschichte schrieb diese Mannschaft? Niemand hatte das extrem junge, unerfahrene Team auf der Rechnung. Stars gab es nicht, Leistungsträger fielen im Turnier verletzt aus. So konnte der Underdog auf die beliebteste aller ballsportdeutschen Selbstbeschreibungen zurückgreifen, die der "mannschaftlichen Geschlossenheit". Ohne Wundertorwart geht es natürlich auch nicht. Und im Finale schlug man dann – oh, ewige Wiederkehr des mythisch Gleichen! – Spanien, just jene mit Ausnahmeindividualisten gespickte Meistertruppe, gegen die man in der Vorrunde noch klar verloren hatte.

Unvermeidlich, dass im Angesicht des Unfassbaren sogleich die Rede eines "Wunders von Krakau" die Runde machte. Manch einer wähnt uns gar am Beginn einer neuen Siegesära. Die amateurnahe Anmutung der jungen Wilden macht die Truppe jedenfalls bereits jetzt zum eigentlichen Hoffnungsteam der Olympischen Spiele in Rio. Authentizität im Auftritt mischt sich mit schmerzaffiner Unmittelbarkeit: Kein Winseln, kein Wälzen, kein Reklamieren. Keine eingestickten Hundenamen auf Finalschuhen! Ehrlicher Sport von ehrlichen Männern für ehrliche Bürger, herzhaft, blutnah, widerständig.

Mit seiner auf maximale Körperintensität ausgelegten Spiellogik verspricht der Handball mit anderen Worten eben jenes Sehnsuchtsloch zu füllen, das ein rundum familientauglich gemachter, oberflächengeglätteter und spieltaktisch feminisierter Profifußball ins Herz vieler Nostalgiker gerissen hat. Zwei-Meter-Hünen, die aus vollem Lauf permanent aufeinanderkrachen, nur ohne Rüstung, lästige Pausen und affiges Event-Buhei. Handball, der neue Männersport für alle, denen Cage-Fighting zu krass, American Football zu amerikanisch und Darts zu fett ist.

Was uns zur soziologisch-geografischen Verankerung des neuen Trendkandidaten bringt: Sie passt tatsächlich wie die Faust aufs Auge. Denkt man entlang der großen Entscheidungsachsen "Stadt vs. Land" oder "Metropole vs. Provinz", weiß sich der Handball positioniert. In der Bundesliga keilen sich seit Jahrzehnten Kreisstädte auf Weltniveau. Der Versuch, den Sport in einer Metropole wie Hamburg erfolgreich zu etablieren, ging in Gestalt des HSV unlängst grandios daneben. Und selbst die Berliner Füchse kommen, nun ja, aus Reinickendorf. Handballwelthauptstadt ist seit einem Jahrzehnt Kiel.