Viel Grund zum Feiern: die deutschen Handballer © JANEK SKARZYNSKI/Getty Images

In Zeiten überschwänglichen Jubels neigen Menschen dazu, gern mal großen Blödsinn zu erzählen. Unvergessen und tausend Mal zitiert ist etwa der Satz, der vor nunmehr 26 Jahren am Ende einer lauen Sommernacht im Olympiastadion von Rom stand, übermittelt von niemand Geringerem als dem Kaiser selbst. "Auf Jahre hinaus wird unsere Nationalmannschaft unschlagbar sein", sprach Franz Beckenbauer. Die Aussage hallte noch Ewigkeiten nach, und zwar nicht wegen ihrer Wahrhaftigkeit. Das Gegenteil war eher der Fall, das sollte sich alsbald zeigen. Was wirklich blieb, war die Erkenntnis, dass so ein großer Titel die Sinne schon ordentlich vernebeln kann.

Dagur Sigurðsson hat am Sonntagabend auch einen großen Titel gewonnen. Nach gerade einmal 16 Monaten im Amt hat der Bundestrainer die Handball-Nationalmannschaft zum Sieg bei der Europameisterschaft in Polen geführt, das klare Ergebnis im Endspiel gegen Spanien (24:17) bedeutete den zweiten EM-Titel für den Deutschen Handball-Bund (DHB) nach 2004 – und zugleich die Krönung eines sensationellen Turniers, in dem sich die von so vielen Verletzungen geplagten Deutschen von nichts und niemandem aufhalten ließen. Entsprechend groß war die Traube, die sich knapp eine Stunde nach Spielschluss um Sigurðsson bildete, die Reporter drängten den Isländer gewissermaßen in die Ecke. Im Wortsinn, weil er vor einer dieser Werbetafeln mit all den bunten Sponsorenlogos Position bezogen hatte. Und natürlich im übertragenen Sinn: mit ihren Fragen. War das jetzt der Anfang einer neuen deutschen Ära im Welthandball?

Jüngster Kader aller Teilnehmer

Sigurðsson zog nach dem größten Erfolg seiner Trainerkarriere kurz die rechte Augenbraue hoch, dann sagte er zwei Sätze, die sein so besonnenes und unaufgeregtes Auftreten in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten noch einmal verdeutlichten: "Was jetzt kommt, ist mir eigentlich vollkommen egal. Ich will im Moment einfach nicht über die nächsten Aufgaben sprechen und sagen, dass wir fokussiert bleiben müssen." Punkt. Aus. Ende der Durchsage.

Handball-EM - Deutsche Handballer holen mit 24:17 den Titel In Krakau hat die deutsche Mannschaft Spanien besiegt. Mit ihrem zweiten EM-Titel qualifizieren sich die Handballer für die Olympischen Spiele im Sommer und die WM 2017.

Dabei hätte der 42-Jährige allen Grund zu ausgeprägtem Optimismus gehabt, des Moments wegen, vor allem aber der Perspektive wegen. Sigurðsson hat bei der EM den mit Abstand jüngsten Kader aller Teilnehmer verantwortet, Altersdurchschnitt: 24,6 Jahre. "Die meisten Jungs haben ihre beste Zeit noch vor sich, das stimmt", sagte er und benannte damit einen der zentralen Unterschiede zur letzten ganz großen deutschen Handball-Mannschaft, dem Weltmeisterteam von 2007, das sich beim sogenannten Wintermärchen auf dem Höhepunkt seiner sportlichen Schaffenskraft befand.

"Aber wir haben auch unglaublich viele gute Spieler um diese Mannschaft herum", ergänzte er noch. Vor dem Turnierstart umfasste die Liste angeschlagener und verletzter Spieler solch klangvolle Namen wie den von Kapitän Uwe Gensheimer, die Kreisläufer-Kante Patrick Wiencek, den Rechtsaußen Patrick Groetzki und das Supertalent Paul Drux, im Turnier fiel mit Steffen Weinhold auch noch der Ersatzkapitän aus, zudem entschärfte es einen weiteren Hochbegabten: Christian Dissinger. Schwer vorstellbar, wie das erst aussehen könnte, wenn alle wieder an Bord sind.