Magnus Carlsen © Arne Horvei/Play Magnus

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ZEIT ONLINE: Magnus Carlsen, Sie werden ihren Titel als Weltmeister im November in den USA verteidigen, aber wir wissen bis heute nicht, wo. Wird es New York sein, Chicago, Los Angeles?

Magnus Carlsen: Ich weiß es wirklich nicht. Mir wird gesagt, es gebe nur noch ein paar Details zu klären,  bevor der Ort verkündet wird. Hoffentlich werden wir die Antwort bald bekommen!

ZEIT ONLINE: Warum ist es so schwer, Weltereignisse im Schach mehr als ein paar Monate im Voraus zu planen, obwohl Schachspieler am Brett ob ihrer planerischen Fähigkeiten gerühmt werden?

Carlsen: Das ist eine gute Frage, aber ich glaube, wir bewegen uns in die richtige Richtung. Das Land der kommenden Weltmeisterschaft ist seit der Abschiedszeremonie der WM in Sotschi 2014 bekannt. Das gab es noch nie, so weit ich weiß.

ZEIT ONLINE: Ihr Erfolg hat eine enorme Schachbegeisterung in Norwegen ausgelöst. Warum veranstalten Sie die Weltmeisterschaft nicht in Oslo?

Carlsen: Ich konzentriere mich auf meine Vorbereitungen und überlasse anderen die Entscheidung über den Spielort. Das ist letztlich Sache der Firma Agon als Geschäftspartnerin der Weltschachorganisation Fide. Ihre Aufgabe ist es, einen Austragungsort zu finden, der gut für das Schach im Allgemeinen ist und nicht nur für mich.

ZEIT ONLINE: Ihre Turnierergebnisse auf heimischer Scholle  sind nicht so gut wie im Ausland. Warum?

Carlsen: Im Schach ist der Heimvorteil nicht unbedingt ein Vorteil. Ich weiß nicht genau warum, aber vielleicht ist es etwas schwerer, hundertprozentig fokussiert zu sein, wenn man jeden kennt und die Umgebung sehr vertraut ist.

Berlin - Carlsen unterliegt bei Blitzschach-Weltmeisterschaft

ZEIT ONLINE: An welchem Turnier Sie auch teilnehmen, Sie sind immer der Favorit. Millionen Fans verfolgen ihre Partien und sind von schlechten Ergebnissen enttäuscht. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Carlsen: Ich beurteile meine Partien und mein Spiel auf meine eigene Art. Ich kann selbst nach einem Sieg enttäuscht sein, wenn das Niveau der Partie meinen Ansprüchen nicht genügt hat. Das ist es, der Druck kommt aus meinem Verlangen, gut zu spielen und meinen eigenen Vorstellungen zu entsprechen.

ZEIT ONLINE: Sie sind Weltmeister seit 2013 und Weltranglistenerster seit dem Juli 2011. Was motiviert Sie noch?

Carlsen: Meine Motivation ist es, zu lernen. Ich spüre, dass es im Schach noch viele Dinge gibt, die ich nicht kenne. Ob das mein Spiel verbessern wird, weiß ich nicht, aber meine Neugierde ist noch sehr groß.

ZEIT ONLINE: Gute Spieler langweilt Schach gelegentlich. Es kommt ihnen vor, als ob sie alles schon gesehen hätten. Sie vermissen die Spannung. Geht Ihnen das je so?

Carlsen: Normalerweise nicht, aber nach einer Niederlage kann es schon ziemlich düster sein. Dann frage ich mich manchmal, was mache ich hier, warum bin ich auf diesem verrückten Turnier? Aber nach ein paar Stunden schaue ich nach vorn, um mich in der nächsten Partie zu revanchieren.

ZEIT ONLINE: Sind Sie in der Lage, mal ein paar Tage oder Wochen frei zu nehmen – ohne Schach zu spielen, Partien anzusehen, Stellungen zu analysieren?

Carlsen: Ja, aber nicht sehr oft. Ich treibe gerne Sport, hänge mit Freunden ab und solche Sachen, aber Schach lauert fast immer hinten im Kopf irgendwo.

ZEIT ONLINE: Was hat sie am Schach ursprünglich fasziniert, und was fasziniert Sie heute?

Carlsen: Mich haben immer die Strukturen fasziniert, die sich auf dem Brett entwickeln. Schach ist einfach zu lernen, aber unmöglich perfekt zu beherrschen.

ZEIT ONLINE: Was war Ihr glücklichster Moment im Schach?

Carlsen: Als ich die norwegische Meisterschaft für Kinder unter zehn im Jahr 2000 gewonnen habe. Das Gefühl werde ich nie vergessen.

ZEIT ONLINE: Schach wird gelegentlich als Zeit- und Energieverschwendung kritisiert. Wie denken Sie darüber?

Carlsen: Manchmal höre ich das, und dann stimme ich immer zu.