Hat sicher auch ein Problem: Cristiano Ronaldo © Matthias Hangst/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Maaz, sind alle Spitzensportler krankhafte Narzissten?

Hans-Joachim Maaz: So pauschal möchte ich das nicht sagen. Aber bei Menschen, die mit besonderen Leistungen in die Öffentlichkeit gelangt sind, ist das eine naheliegende Vermutung. Ob Politiker, Showstars oder Sportler. Diese Leistungen setzen natürlich ein Talent voraus, aber auch eine übermäßige Anstrengung. Bei Sportlern ist es das Training, die Bereitschaft, sich zu quälen.

ZEIT ONLINE: Was macht einen Narzissten aus?

Maaz: Wenn ein Mensch sagen kann: Ich weiß, wer ich bin, was ich kann, was ich gut kann, aber ich weiß eben auch, was ich nicht so gut kann und wo meine Grenzen liegen, dann ist das eine gesunde Form von Narzissmus. Das ist völlig normal. Der krankhafte Narzisst besitzt aber eine innere Unsicherheit, ein Minderwertigkeitsgefühl. Er ist immer in Gefahr, betont gut zu sein, leistungsstark zu sein, erfolgreich zu sein. Erfolg, Macht oder Anerkennung müssen die fehlende innere Befriedigung ausgleichen. Er braucht immer mehr davon.

ZEIT ONLINE: Woher kommt dieses Gefühl?

Maaz: Das hat etwas mit der frühen Entwicklung im Kindesalter zu tun. Wurde dem Kind das Gefühl vermittelt, gewollt, gemocht und verstanden zu sein? Wenn das nicht so ist, entsteht ein inneres Defizit, das vor allem mit fehlender Mutterliebe zu tun hat. Dieses sehr schmerzliche, bittere Gefühl kann später ausgeglichen werden oder es wird zumindest versucht – beispielsweise durch Spitzenleistungen im Sport. Was dem Kind auch schaden kann, ist die genaue Vorstellung der Eltern, wie es zu sein hat. Das ist für das Kind oft eine große Belastung, weil es sich nicht verstanden oder angenommen fühlt, weil es funktionieren soll. So wird es sich immer mehr anstrengen, immer mehr Leistung bringen, um den Eltern zu genügen.

ZEIT ONLINE: Passt ein erfolgsbesessener Star wie der US-Basketballer Kobe Bryant, immerhin fünffacher NBA-Champion, zweimaliger Olympiasieger, auch in diese Kategorie? In seiner Abschiedssaison nimmt er Würfe ohne Ende, trifft aber kaum noch.

Maaz: Ja. Der Narzissmus ist bei Bryant offenbar sehr stark ausgeprägt. Diese Superstars wollen immer die Größten sein, immer die Sieger sein, eine kleine Niederlage kommt einem inneren Zusammenbruch gleich. Jede Schwäche wird als schwere Krise erlebt. Dadurch wirkt das Auftreten oft etwas überheblich und arrogant. Der gestörte Narzisst überhöht sich selbst, stellt sich größer dar, als er ist, und er wertet andere gleichzeitig ab.

ZEIT ONLINE: Das würde erklären, warum Teamkollegen, die nicht ihre Leistung bringen, schon mal fertig gemacht werden.

Maaz: Krankhafte Narzissten haben zu anderen Menschen oft eine zweckmäßige Beziehung. Sie sehen sie unter dem Gesichtspunkt: Wie dienen sie mir? Oder: Wie funktionieren sie, damit ich meine Leistungen bringen kann? Diese Menschen können sehr rücksichtslos sein.

ZEIT ONLINE: Aber sie müssen sich auch selbst quälen können. Woher kommt der Wille zur Selbsttortur?

Maaz: Spitzensportler bringen so viel auf und müssen so viel entbehren, dass sie das nur durchhalten, weil sie einen Stachel im Fleisch haben. Der Stachel ist das Gefühl: Ich bin nicht gut genug, ich muss noch besser werden, ich muss noch mehr Leistung bringen, um Anerkennung zu bekommen. Das ist der innere Antrieb.

ZEIT ONLINE: Ist der Anteil von krankhaften Narzissten im Spitzensport größer als in der Normalbevölkerung?

Maaz: Ja, der ist größer. Trotzdem sage ich nicht, dass die Schwere der Störung von vornherein an der Größe des Erfolgs gemessen werden kann. Das wäre zu einfach. Dazu müsste man sich jeden Fall genau ansehen.

ZEIT ONLINE: Ein Sportler wie Dirk Nowitzki macht nach außen einen gelassenen Eindruck, er ist bescheiden geblieben, geht in der Saisonpause schon mal auf einen Outdoortrip nach Australien. Er wirkt nicht wie der typische Megastar. Ist er womöglich kein Narzisst?

Maaz: Das müsste man sich im Einzelfall genau ansehen, eine Ferndiagnose ist schwierig. Falls er seine Lässigkeit oder seine Touren durch Australien in den Medien übermäßig betont oder in den sozialen Netzwerken anpreist, wäre die Frage, ob er die Anerkennung vielleicht auf diesem Wege sucht und sich bewusst als coolen, lässigen Typen inszeniert. Im Grunde ist jedes Verhalten geeignet, einer narzisstischen Kompensation zu dienen.

ZEIT ONLINE: Nicht nur die Siege, auch das öffentliche Scheitern der Sportler wird permanent über die Medien verbreitet. Niederlagen gehören einfach dazu. Was macht das mit den Athleten?

Maaz: Der Narzisst kann Kritik schwer ertragen und ist bei Misserfolgen sehr verletzt. Hinzu kommt: Für die Medien ist ein zweiter oder dritter Platz oft schon eine Niederlage, obwohl großartige Leistungen dahinter stecken. Das ist eine besondere Belastung, eine permanente Stresssituation, die mit vielen Kränkungen verbunden ist.

ZEIT ONLINE: Wie gehen die Sportler damit um?

Maaz: In Zeiten, in denen sie sehr erfolgreich sind, nehmen sie das Lob in der Presse gerne zur Kenntnis. Wenn es mal nicht so läuft, lesen sie vielleicht gar keine Zeitung mehr, um sich vor den Kränkungen zu schützen. Sie können den Druck natürlich auch positiv nutzen und in Leistung umsetzen – oder daran scheitern.