ZEIT ONLINE: Herr Schmidt, Sie waren einer der bekanntesten deutschen Basketballschiris. Wie bewerten Sie das Verhalten von Fußballtrainern gegenüber Schiedsrichtern?

Boris Schmidt: Fußball kommt so oft im Fernsehen, dieser Sport hat einen Vorbildcharakter. Dem werden die Trainer und auch die Spieler jedoch oft nicht gerecht. Was sie sich an Drohgebärden und Respektlosigkeiten erlauben, sollte härter bestraft werden.

ZEIT ONLINE: Der Job des Schiedsrichters ist es, mit Fehlverhalten klarzukommen. Heute coachen Sie den Nachwuchs im Basketball. Was geben Sie jungen Referees über den Umgang mit disziplinlosen Trainern mit?

Schmidt: Es kommt drauf an, ob ein Trainer durch sein Verhalten dem Gegner schadet. Dann muss man streng sein. Was anderes ist, wenn er bloß mich beeinflussen will. Da darf ich mich nicht ablenken und vereinnahmen lassen.

ZEIT ONLINE: Wie denn?

Schmidt: Als Schiedsrichter muss ich mir darüber im Klaren sein, dass ich auch die Trainer coache. Ich leite meine Zöglinge jedenfalls an, Konflikte mit Trainern nicht zuzuspitzen. Ein Schiedsrichter muss wissen, dass er auf die Emotionen aller Beteiligten einwirkt. Trainer, die pöbeln, müssen wir einfangen. Das klappt meist.

ZEIT ONLINE: Mit Reden?

Schmidt: Reden hilft immer. Im Basketball ist man natürlich näher dran als beim Fußball, doch es gibt ja zur Not den vierten Offiziellen.

ZEIT ONLINE: In der Bundesliga gab es nun einen viel beachteten, unterhaltsamen Vorfall. Da ging es auch um Reden. Roger Schmidt wollte nicht akzeptieren, dass Felix Zwayer ihn vom Platz stellen wollte. Nun wurde Schmidt für drei Spiele gesperrt. Wie finden Sie das?

Schmidt: Ich kann nicht sagen, ob die Sperre angemessen ist und ob Zwayer richtig oder falsch gehandelt hat. Ich kenne die Details nicht, wie die ganze Sache sich auf dem Spielfeld entwickelte. Ich habe die Szenen aber im Fernsehen gesehen.

ZEIT ONLINE: Zwayer gab ihm aus großer Entfernung mit einer Geste zu verstehen, dass er gehen muss. Was hätten Sie gemacht?

Schmidt: Ich wäre hingegangen. Im Basketball ist es üblich, technische Fouls, also Disziplinvergehen, zu begründen.

ZEIT ONLINE: Dann wollte Schmidt den Schiri mit einer abfälligen Geste zu sich zitieren.

Schmidt: Das war ein Machtkampf. Der Trainer wollte der Sieger sein. Ein Schiri darf sich das nicht bieten lassen. Ich wäre dann aber erst recht hingegangen und hätte ihm ein paar Worte gesagt.

ZEIT ONLINE: Aber Sie sind doch kein Hündchen, das sich rumkommandieren lässt.

Schmidt: Es kommt halt drauf an, wie man hingeht. Da sind Körpersprache und Gestik wichtig. Es ist auch Typsache.

ZEIT ONLINE: Zwayer unterbrach das Spiel und ging in die Kabine.

Schmidt: Regeln haben immer Spielraum. Er hat nicht gegen sie verstoßen, er hat sie bloß maximal ausgenutzt. Das kann im Ausnahmefall richtig sein. Im Prinzip sollte der Schiedsrichter aber deeskalieren und das Spiel 11 gegen 11 ermöglichen. Wir sollten vermeiden, im Mittelpunkt zu stehen. Die Sache zwischen Zwayer und Schmidt hatte ja auch eine Vorgeschichte …

ZEIT ONLINE: … Zwayer hatte in der Situation zuvor dem BVB einen Vorteil abgepfiffen und den Freistoß mehr als fünf Meter weiter vorne ausführen lassen. Es gibt zwar keinen genau definierten Toleranzbereich in den Regeln, aber so was ist Gewohnheitsrecht im Fußball.

Schmidt: Dies hätte aber ein Grund mehr sein können, das Gespräch mit dem Trainer zu suchen. Zwayer hätte Schmidt erklären können, warum er den Freistoß nicht zurückversetzt hat. Schmidt wäre nicht der erste Trainer, der die Regeln nicht kennt. Aber noch mal, ich kann mir ein konkretes Urteil nicht erlauben.

ZEIT ONLINE: Die Schiriszene im Fußball hält das strenge Urteil gegen Schmidt aus dem Grund für gut, weil es Signalwirkung bis in den Amateurfußball habe. Allerdings fanden Zwayers Kollegen auch sein Verhalten übertrieben. Er hätte nicht den Platz verlassen sollen und Schmidt eine Frist setzen können, sagen sie.

Schmidt: Wie wärs hiermit: "Herr Schmidt, Sie sind in einer Minute verschwunden!" Hätte er weitergemeckert, dann: "Jetzt haben Sie nur noch dreißig Sekunden."

ZEIT ONLINE: Hat sich Zwayer mit seiner polarisierenden Aktion eine Bürde für die Zukunft auferlegt?

Schmidt: Zumindest wird er künftig von vielen Seiten darauf angesprochen werden, auch mal während eines Spiels. Da muss er durch. Es kann ihn stärken, womöglich aber auch belasten. Jedenfalls wird es seine Erfahrung bereichern, er ist ja erst 34 Jahre alt. Leverkusen wird er diese Saison wohl nicht mehr pfeifen.

ZEIT ONLINE: In der Hierarchie steht der Trainer unter dem Schiri. Was sagt es eigentlich aus, wenn der Trainer dessen Entscheidung nicht akzeptiert?

Schmidt: Es ist wie in der Schule. Es gab Lehrer mit natürlicher Autorität, mit denen haben wir uns nie angelegt. Auch weil ihr Unterricht gut war. Anderen hingegen haben wir auf der Nase rumgetanzt. Es gehören immer zwei dazu.

Boris Schmidt (1,70 Meter) in seiner aktiven Zeit © camera4