ZEIT ONLINE: Herr Lambertz, 20 Jahre lang haben die Politik und der Sport über ein Anti-Doping-Gesetz diskutiert. Im Dezember ist es in Kraft getreten. Sie kritisieren es. Warum?

Paul Lambertz: Meine These: Es ist nicht Aufgabe des Staats, des Dopings im Sport Herr zu werden. Das ist Aufgabe der Verbände und Sponsoren.

ZEIT ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Lambertz: Die Absicht des Gesetzes finde auch ich gut. Die Frage ist doch aber: Muss ich alles in Gesetze gießen oder lasse ich bestimmte Bereiche des Zusammenlebens die Beteiligten regeln? Das Strafrecht ist die schärfste Waffe, die dem Staat zur Verfügung steht. Nehme ich Bürgern die Freiheit, muss es auch ein berechtigtes Interesse der Allgemeinheit geben, warum ich jemanden wegsperre. Das Strafrecht sollte meines Erachtens nur eingesetzt werden, wenn wirklich wichtige Rechtsgüter bedroht sind, Leben, Gesundheit, Freiheit oder Vermögen. Diese Bedrohung sehe ich insbesondere beim Eigendoping nicht.

ZEIT ONLINE: Der Staat hat für das Anti-Doping-Gesetz eben solch ein schützenswertes Rechtsgut geschaffen: die Integrität des Sports.

Lambertz: Um Eigendoping strafbar zu machen, musste er das tun. Ich sehe das kritisch, weil damit hehre Wünsche an den Sport formuliert werden, die keines strafrechtlichen Schutzes bedürfen: Der Sport muss sauber sein, es braucht Fair Play und der Bessere möge gewinnen. Auch der Deutsche Richterbund sieht das so. Aber gibt es diese beschworene Vorbildfunktion des Sportes wirklich? Ich habe meine Zweifel. Für mich ist auch nicht verständlich, warum es nur wenigen Athleten verboten werden soll zu dopen, also den Spitzensportlern, die in nationalen Kadern stehen. Wieso verletzen die eher die Integrität des Sports als der dopende Amateurbodybuilder? Darüber hinaus hat das Anti-Doping-Gesetz weitere Schwächen. Beispielsweise stellt es nur das medizinische Doping unter Strafe, das Technodoping, wie im jüngsten Elektromotor-Skandal im Radsport, aber nicht. Das verstehe ich nicht, wenn man das Rechtsgut "Integrität des Sports" wirklich schützen will.

ZEIT ONLINE: Einfach gesagt funktionieren das Anti-Doping-Gesetz und auch das geplante Gesetz gegen Sportwettbetrug so: Der Staat bestraft Betrüger mit den ihm zu Verfügung stehenden Mitteln und schützt den Sport. Was soll daran falsch sein?

Lambertz: Das eine ist die Meinung der Bevölkerung, die Doping und Spielmanipulation strafrechtlich sanktioniert sehen will. Auf der anderen Seite muss diese Frage rechtstheoretisch beleuchtet werden: Darf der Staat das überhaupt? Und da gibt es meiner Meinung nach erhebliche Zweifel. Der Staat greift in eine private Angelegenheit ein. Der Sport ist grundsätzlich nichtstaatlich. Mir ist klar, dass diese Diskussion abstrakt ist, aber man muss sie führen.

ZEIT ONLINE: Aber der Sport wird mit vielen Steuermillionen subventioniert. Begreift der Staat, dass er Betrüger finanziert, sollte er sie doch verfolgen dürfen.

Lambertz: Zu der Förderung in dieser Form zwingt ihn zunächst keiner. Er kann auch ohne das Strafrecht dafür sorgen, dass die Athleten sauber bleiben wollen. Mit Sportsoldaten oder Sportpolizisten kann der Staat Regelungen treffen, die wirkmächtige Klauseln beinhalten: Wer dopt, wird aus der Förderung genommen und muss sie zurückzahlen. Das wäre meines Erachtens ein Fall, in dem man mit den Mitteln des Zivilrechts Prävention und Abschreckung erreichen kann.

ZEIT ONLINE: Gibt es weitere Alternativen zum Strafrecht, um gegen Doping vorzugehen?

Lambertz: Ja. Gerade diskutiert die Sportwelt, supranationale Dopingkontrollen einzuführen. Franzosen könnten also die Deutschen kontrollieren und umgekehrt. Das halte ich für eine gute Idee, bei manchen Verbänden konnte man den Eindruck gewinnen, dass sie kein großes Interesse daran hatten, Sportler aus dem eigenen Land aus dem Verkehr zu ziehen. Auch die Sponsoren könnten eine größere Rolle spielen: Verträge könnten so gestaltet sein, dass Athleten während ihrer aktiven Zeit erst einen Teil des Sponsorings bekommen und nach mehreren Jahren, wenn klar ist, dass sie sauber waren, den Rest. Das schreckt ab. Auch die Verbände könnten aktiv werden, indem sie Trainer entlassen, Athleten und Manager von Veranstaltungen ausschließen, Sperren aussprechen und Sportler mit Strafen belegen, damit sie das erreichen, was sie wollen: einen sauberen Sport.

ZEIT ONLINE: Reichen die bisherigen Strafen Ihrer Meinung nach aus?

Lambertz: Ich denke, dass Verbandsstrafen schon jetzt ein erhebliches Abschreckungspotential und sehr schmerzhafte Wirkungen auf den Athleten haben. Verurteilt ein Schiedsgericht einen Sportler, ist er in der Regel vier Jahre lang daran gehindert, seinen Beruf auszuüben. Haben seine Sponsoren entsprechende Verträge mit dem Athleten geschlossen, sind sie weg und der Athlet muss womöglich Geld zurückzahlen. Zudem ist der Ruf des Athleten ruiniert, da mindestens der Schiedsspruch veröffentlicht wird. Sportler stehen also vor dem wirtschaftlichen Ende.