Das Gespräch fand am frühen Morgen statt, nach wenigen Stunden Schlaf und mutmaßlich unter dem Einfluss von ausreichend Restalkohol. Bundestrainer Joachim Löw hegt trotzdem keine Zweifel an der Seriosität dessen, was er damals, am Morgen nach dem WM-Finale in Rio, mit Philipp Lahm besprochen hat – dazu kennt er Lahm und dessen Prinzipienfestigkeit einfach zu gut. "Nee, ist keine Option", antwortete Löw am Mittwoch auf die Frage, ob er nicht darüber nachdenke, den ehemaligen Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft zum Rücktritt vom Rücktritt zu bewegen. Daran hat auch das Ereignis vom Tag zuvor nichts geändert.

Es war das erste Training der Nationalmannschaft in Berlin und die Einheit schon fast beendet, als sich Bastian Schweinsteiger, von einem Gegenspieler bedrängt, das rechte Knie verdrehte. Lahms Nachfolger als Kapitän reiste am Mittwoch nach München zum Arzt seines Vertrauens. Eine MRT-Untersuchung ergab, dass sich Schweinsteiger einen Innenband-Teilriss zugezogen hat. Für die beiden anstehenden Testspiele gegen England (Samstag in Berlin) und Italien (Dienstag in München) fällt er damit aus; seine Teilnahme an der Europameisterschaft in Frankreich ist zumindest fraglich.

Nur noch von Verletzung zu Reha und von Reha zu Verletzung

"Ich habe Bastian gesagt, dass ich ihn für die EM keineswegs abschreiben werde", sagte Löw, "das Turnier findet noch nicht morgen statt, es ist noch Zeit." Der Kapitän der Nationalmannschaft hat die gleiche Verletzung am selben Knie, die ihn gerade erst für zwei Monate außer Gefecht gesetzt hatte. "Ich muss die Situation annehmen, wie sie ist", sagt Schweinsteiger, "und das werde ich auch."

Bastian Schweinsteiger ist der Schmerzensmann des deutschen Fußballs. Immer mehr verfestigt sich der Eindruck, dass sich der 31-Jährige nur noch von Verletzung zu Reha hangelt und von Reha zu Verletzung; dass er zwischendurch im günstigsten Fall ein paar Spiele bestreitet, aber nie mehr sein optimales Leistungsniveau und den nötigen Fitnesszustand erreicht. Der Independent hatte zuletzt über den Mittelfeldspieler von Manchester United geätzt: "Nach seinem Gewicht zu urteilen, wird er mit Kuchen entlohnt." Seit seiner jüngsten Rückkehr auf den Fußballplatz kam Schweinsteiger zu gerade drei Einsätzen, bei denen er jeweils um die 70. Minute eingewechselt wurde.

Der Kapitän fügt sich damit in eine Reihe von Problemfällen, mit denen sich Joachim Löw exakt 80 Tage vor dem ersten EM-Spiel gegen die Ukraine herumschlagen muss. Die beiden Innenverteidiger Jerome Boateng und Benedikt Höwedes sind immer noch verletzt, André Schürrle ist spektakulär außer Form, Mario Götze sitzt bei den Bayern nur auf der Bank, und Max Kruse hat sich den guten Ratschlägen des Bundestrainers seinen Lebenswandel betreffend derart beharrlich widersetzt, "dass er jetzt schon auch mal einen Denkzettel brauchte", wie Löw sagte. Seine Suspendierung für die beiden Testspiele sind laut Löw zwar "nicht gleichbedeutend mit dem Aus für die EM"; Kruses Chancen sind allerdings geringer denn je.