Um Himmels Willen, was ist da passiert?

Obwohl Bayern 4:2 gewonnen hat, also eigentlich das Normalste des Normalen, geschah Überraschendes. Normalerweise wiegen uns die Bayern mit ihrer sedierenden Überlegenheit schnell in den Schlaf. Spannend wird es üblicherweise erst ab dem Champions-League-Halbfinale. Diesmal war alles anders: früher Rückstand, Nervosität, Verzweiflung, Kontrollverlust, unverhofftes Anschlusstor, unverhoffter Ausgleich, Nachspielzeit, Verlängerung, Tor, Tor, Drama. Die Bayern waren eine profane Fußballmannschaft, auch wenn sie am Ende doch noch den Wolfsburgern folgten und ins Viertelfinale einziehen. Und Pep Guardiola sich auf die Spuren Dieter Heckings begibt.

Die Bayern-Oppositionellen konnten immerhin 72 Minuten lang ihre Häme loswerden. So lange landeten Douglas Costas Flanken im Nichts, endeten Arturo Vidals Angriffe an italienischen Abwehrbeinen, versandete Franck Ribéry im Kiesbett der Turiner Abwehr. Dann kam Robert Lewandowski, dann Thomas Müller, schließlich Thiago und Kingsley Coman. Und die Seidenschalträger auf der Münchner Haupttribüne raschelten in Ekstase mit den Juwelen.

Warum hat Bayern gewonnen?

Tja, normalerweise hat die Antwort viel mit Guardiola zu tun. Dieser Sieg aber war in nicht unwesentlichem Maß unguardiolisch. Die ersten zwei Tore fielen nach, Pfui, Flanken durch, Pfui, Kopfbälle. Die Siegtore in der Verlängerung schossen Thiago und Coman, zwei Joker. Guardiola könnte sich ein gutes Händchen attestieren lassen. Doch das ist nicht sein Ding. Ein Trainer wie Guardiola fragt sich eher: Warum hab ich die nicht früher gebracht?

Wo lagen die Mängel der Bayern?

Das Zentrum mit Arturo Vidal und Xabi Alonso konnte die Stürmer selten bedienen. Douglas Costa hatte wieder mal eine große Streuung in seinen Pässen und Flanken. Robert Lewandowski verschleppte das Tempo. Franck Ribéry wird man wohl nie wieder so sehen wie zu besten Zeiten. Und dann war da noch die Abwehr. David Alaba patzte beim ersten Tor, beim zweiten tat es die halbe Bayern-Elf. Nicht nur, aber vor allem Medhi Benatia bewarb sich bei diesem Konter um eine Auswechslung. Guardiola entsprach dem in der Pause.

Was wäre gewesen, wenn Sepp Herberger wörtlich zu nehmen wäre und ein Spiel 90 Minuten dauern würde?

Dann hätten wir eine andere Nachrichtenlage. Guardiola würde als Gescheiterter gelten. Er hätte nichts mehr zu gewinnen. Die Bundesliga wäre zum lästigen Epilog seiner unvollendeten Münchner Ära geworden. Er hätte sich vorwerfen lassen müssen, gedanklich schon in Manchester zu sein. Die Twitter-Timeline wäre voll von Hoeneß-ruft-Heynckes-an-Gags gewesen. Mit diesem eher moralischen als strategischen Sieg hat sich der FC Bayern aus der Favoritenrolle rausgespielt. Guardiola hat nun wieder mehr zu gewinnen, weil jeder sehen konnte, dass es nicht selbstverständlich ist, mit dieser guten, aber nicht mangelfreien Mannschaft ins Finale einzuziehen.

War der Sieg der Bayern verdient?

Knapp, knappst, aber ja. Juve war lange besser. Und bei einem weiteren Tor erkannte der Schiedsrichter fälschlicherweise auf Abseits. Kurz vor dem Halbzeitpfiff ging der FC Bayern am Rande einer dritten Turiner Ohrfeige spazieren. Juan Cuadrado, der schon vorher getroffen hatte, schoss, doch dann rauschte irgendwie, irgendwoher Manuel Neuer heran. Am Ende hatte Bayern mehr im Tank, Juventus hielt sich in der zweiten Halbzeit arg zurück. In diesem Spiel war Bayern der glückliche Sieger, aber rechnet man das Hinspiel ein, war das Weiterkommen okay.

Was hatte das alles mit dem Hinspiel zu tun?

Wirklich wenig. Beim 2:2 in Turin war Juventus enorm passiv, der Vorjahresfinalist wurde dem Etikett nicht gerecht, ein schwerer Gegner zu sein. Abwehr und Mittelfeld waren schlicht zu langsam. Von Andrea Barzagli blieb haften, dass sein Trikot am Bauchansatz etwas spannt. Sami Khedira lief nur hinterher. Auch in München sah man, dass Gigi Buffon zwar ein Tormann mit Stil ist, aber halt auch zehn Jahre älter als Neuer.

Doch die Turiner spielten auf einmal Pressing. Paul Pogba ließ nicht nur bei seinem Tor seine Klasse aufblitzen. Und den famosen Stürmer Álvaro Morata hätte der Trainer Allegri besser nicht ausgewechselt. Die Turiner wollten die Schwächen der Bayern ausnutzen, hatten sie vor dem Spiel gesagt. Man hielt es für einen Bluff. In Deutschland denkt man ja, die Bayern hätten keine Schwächen. An alle Bundesligisten, die sich gegen Bayern nur hinten reinstellen, wenn sie denn überhaupt antreten, sei gesagt: Das stimmt nicht.