Polizisten und Roter-Stern-Fans beim Derby © Andrej Isakovic/Getty Images

Die Fans beider Clubs sehen aus wie Hoden mit Zähnen, meint unser Taxifahrer und schmeißt uns unweit des Tito-Mausoleums aus seiner klapprigen Kiste. Wie immer randvoll mit Adrenalin, strömen die Partizan-Grobari (Totengräber) und Roter-Stern-Delije (Helden) in Kiss-my-fist-Laune von allen Seiten zur Opferstätte. Noch ist aus taktischen Gründen nicht zu erkennen, wer welchem Belgrader Club für ewig und noch länger die Treue hält.

Das Belgrader Derby, das 150.! Obwohl in Serbien die Meisterschaft zugunsten von Roter Stern entschieden ist, toben sich am letzten Februarwochenende im vollbesetzten Partizanstadion die Massen aus. Pyro, Böller, rabiate Banner und garstige bis peinliche Gesänge erschüttern das Stadion bis auf seine realsozialistischen Grundmauern.

Auf zweihundert junge Männer kommt eine Frau. "Mit meinen Möpsen und meinem Popi-Hintern", so später die Kellnerin Tita auf Nachfrage, "ist für mich ein Stadionbesuch ein gründlich zu vermeidender Opfergang!"

Hahnenkämpfe in dunklen Gassen

Es gab schon Tote auf beiden Seiten, nicht endend wollende Pyroorgien, Böllerhagel, Fallschirmspringer, Massengebete. Die viel gerühmte serbische Lässigkeit. In diesem Jahr soll es in dunklen Gassen Hahnenkämpfe gegeben haben, auch ein paar "rumänische Hausbesuche" bei stadtbekannten Kneipenschlägern fielen wohl an, doch die große Massenprügelei findet diesmal nur in den Köpfen statt. Das liegt bestimmt auch an der massiv aufmarschierten Polizei, die vor und im Stadion in schwerer Kampfmontur zärtlich ihre Schlagstöcke kreisen lässt.

In Reih und Glied verstopfen erwartungsfroh Feuerwehrmänner, Fotografen und Polizisten die Tartanbahn. Das Stadion ist proppenvoll, jeweils eine Hälfte ist von Totengräbern und Helden okkupiert. Gesang, Klatschen, Gekreisch, Hände auf die Herzen, noch schnell ein nationalistischer Shanty aus den Lautsprechern und los geht’s! Nach zwei Minuten die erste Spielunterbrechung. Böller, Rauch, Nebelschwaden auf der Partizanseite. "Der Schiedsrichter ist eine Hure", wird gesungen.

Nach fünf Minuten das erste bitterböse Foul gegen Roter Stern. Das Volk tobt: "Der Schiedsrichter ist der Sohn einer elenden Zigeunerhure!" Großes Gewälz inklusiver Wunderheilung auf dem Platz. Nach elf Minuten dann das Revanchefoul, beide Trainerbänke proben den Aufstand. Das Stadion spuckt Feuer, die Fans schreien sich die Seelen aus dem Leib. Überall "Picku materinu!, Cigani!, Ustascha!"

"Grundehrlicher Balkanstyle"

Das Flutlicht flammt auf und die Grobari präsentieren ein Banner in englischer Sprache, damit nun wirklich alle Zuschauer verstehen, was hier passiert: "150. Serbisches Derby-Passion-Wahnsinn-Nationalstolz-Schönheit-Krieg-Liebe-Glaube-Loyalität-Gefühl-Mentalität-Gratulation". In der achtzehnten Minute fällt das 1:0 für Partizan. Pyro, Böller, noch mehr Polizei. Die Grobari verbrennen erste Fanutensilien des Feindes, die Delije reagieren sofort.

Erstaunlicherweise haben beide Clubs die Gehälter bezahlt, deshalb entwickelt sich ein kämpferisches Fußballspiel mit hohem Einsatz. 25. Minute Freistoß 1:1. 33. Minute Blitzangriff zum 1:2. Egal ob junger Spund oder gesetzter Vati, jede Aktion wird frenetisch beklatscht. Die wilde Meute zieht immer neue Register der Orgel des Irrsinns. Dann ist endlich Halbzeit. Alles sinkt zurück und schöpft Atem.

Im Stadion muss man die ganz großen Toleranzboots anhaben, um nicht über die derben Späße der Serben zu stolpern. Sie singen Schlachthymnen, preisen die große serbische Nation, leben Männerfantasien aus und geben ihren Gegnern Sextipps. Leider kann der genaue Wortlaut der Gesänge nicht wiedergegeben werden, es könnten auch Kinder mitlesen. "Das ist grundehrlicher Balkanstyle", verrät mir mein Stehplatznachbar.

Die Delije und die Grobari nehmen alles sehr ernst. Sie stehen Seit an Seit mit befreundeten Russen und Griechen. Auch ein paar Hundert deutsche Groundhopper und viele osteuropäische Sportfreunde sind präsent. Die Deutschen halten sich zurück, wegen der diversen kriegerischen Auseinandersetzungen (Weltkriege, Natobombardements in den neunziger Jahren etc.) sind sie nicht so sehr beliebt in Belgrad. Russen dafür umso mehr! Beide Völker verbindet das Böse-Buben-Image. In langen Reihen hängen bei den Grobari und Delije die Unterstützerfahnen über den eigenen Zaunfahnen. Putin-T-Shirts sind in Belgrad der Renner.