Nobby Dickel schaute ratlos. "Man weiß nun nicht, was man davon halten soll", sagte der Stadionsprecher auf der Leinwand nach Spielende. Die BVB-Legende Dickel ist sowas wie das Stimmungsbarometer der Fans. Die Spieler beider Mannschaften sahen beim Handshake auf dem Platz sehr zufrieden über das Unentschieden aus. Selbst den Bayern, die normalerweise alles gewinnen wollen. Aber im schwarzgelben Fan-Lager wollten einige irgendwie mehr, auch wenn sie es nicht direkt sagten, weil sie es wohl für vermessen hielten.

So weit sind sie jedenfalls wieder in Dortmund. Die stärksten Gegner sind froh, wenn sie hier nicht verlieren. Den BVB nimmt jeder wieder ernst. Die vergangenen drei Spielzeiten war das nicht immer so, da machten die Bayern im Schnitt über 25 Punkte mehr. Das letzte Heimspiel gegen den Rivalen aus dem Süden gewann die Borussia vor vier Jahren. In der Hinrunde wurde sie in München noch 5:1 geschlagen. Da machten sich viele, die die Bundesliga lieben, Sorgen und fragten: Wird es je wieder richtig spannend?

Dieser Pessimismus war wohl übertrieben. Seit dem Mainzer Sieg in München diese Woche ist der BVB wieder ein Verfolger. Zwar hielten die Bayern den BVB durch das 0:0 auf fünf Punkte Distanz, was vermutlich ihre vorzeitige Meisterschaft bedeutete. Doch dieses niveauvolle Spitzenspiel schien auch etwas über die Zukunft im deutschen Fußball zu sagen. Man muss kein Träumer sein, um zu hoffen, dass der BVB demnächst wieder um den Titel kämpfen wird.

"Dieses Spiel hat uns weitergebracht", sagte derjenige, der den BVB wieder stark gemacht hat. Thomas Tuchel gelang das bereits im ersten Jahr. Das ist mehr als man vor der Saison erwartet hatte. Er musste das schwere Erbe Jürgen Klopps antreten. Dessen volkstribunhaftes Wesen kann der nüchterne Tuchel nicht ersetzen.

Die Dominanz der Bayern könnte vorbei sein. Bald.

Tuchel änderte sogar den Stil auf dem Platz. Sowas braucht Zeit, weswegen man in Dortmund auf eine weitere Steigerung im zweiten Jahr hoffen darf. Vielleicht werden auch die Bayern ohne Pep Guardiola nicht mehr ganz so gut sein. Das alles spielte in die Bewertung dieses Spiels rein, die auf Seiten Tuchels überschwänglich ausfiel. Er sagte, er habe es genossen, dieses Spiel zu coachen. Und es war ja auch ein tolles Signal aus Dortmund, dass nach scheinbar endlosen Jahren die Bayern-Dominanz vorbei sein könnte. Bald.

Aber wenn man die Gesichter mancher BVB-Fans richtig deutete, die nachts am Bahnhof die Dortmunder Delikatesse Waffel am Stiel kauten, und wenn man Nobby Dickel richtig verstanden hat, dann stand auch die Frage im Raum: Warum eigentlich nicht sofort? Warum kann man den Bayern nicht gleich und hier und jetzt auf den Leib rücken?

Lässt man die Wünsche ungeduldiger Fans mal fürs Erste beiseite, kommt man zur Erkenntnis: Es war ein temporeiches, technisch gutes Match. Die Dortmunder spielen mehr als früher. Das fing beim Tormann Roman Bürki an, der sich auch von einem kuriosen Ballverlust nicht beirren ließ. Das endete nicht bei Ilkay Gündogan im Zentrum. In der ersten Halbzeit war lange kein großer Unterschied zwischen beiden Teams zu erkennen, die Bayern hatten die niedrigste Ballbesitzquote in Guardiolas Bundesliga-Zeit.

Taktisch reifer als in den wilden Klopp-Jahren

Unter Tuchel bereitet sich die Abwehr besser auf Gefahr vor, der BVB wirkt bei allen Mängeln im Detail insgesamt taktisch reifer als in den wilden Klopp-Tagen. Man weiß ja nie, wie viel Rhetorik man bei Guardiola abziehen muss, um bei der Wahrheit zu landen. Aber seine Wertschätzung, die er für Tuchel vor und nach dem Spiel in höchsten Tönen ausdrückte, dürfte zumindest nicht völlig aus der Luft gegriffen sein.

Auch die Ergebnisse stimmen unter Tuchel. Seit der Hinspielklatsche hat der BVB zwei Punkte mehr geholt als die Bayern. Auf Rang 3 hat er sechzehn Punkte Vorsprung, der BVB sei der beste Zweite, sagte Guardiola. "Wir wollen das Niveau immer weiter erhöhen", sagte Tuchel, dem klar sein dürfte, dass er noch an Details arbeiten muss. Er kann gut damit leben, dass er erst ab der nächsten Saison Meister werden will. Er ist gerade gerne guter Zweiter.

Aber – Nobby Dickel würde es natürlich nie laut sagen – aber vielleicht hätte er sich von Tuchel auch ein klein bisschen mehr Bedauern gewünscht. Der BVB nutzte ja nicht bloß die Chance, sich vor mehr als 200 Fußballnationen als renoviertes Spitzenteam zu präsentieren. Er verpasste auch eine Chance, nämlich die aktuelle Saison noch einmal neu beginnen zu lassen.

Die Bayern hatten zwar die besseren Tormöglichkeiten, waren die bessere Mannschaft, in der zweiten Halbzeit kontrollierten sie das Spiel, ihr Zusammenspiel stimmt einfach auch in den Details. Aber es war auch zu sehen, dass sie zurzeit nicht in allen Bereichen in Guardiola-Maßstäben toptoptop sind. Joshua Kimmich ist ein Bewegungstalent, aber nicht nur bei Kopfbällen sah man, dass es für ihn bessere Verwendungen gibt als die Rolle des Verteidigers. Arturo Vidal war der torgefährlichste Bayern-Spieler, als Spiellenker jedoch eignete er sich nur bedingt. Xabi Alonso las jede Situation richtig, brauchte aber Platz, wenn er den Ball hatte. Mit dem schnellen Douglas Costa konnte man erneut nicht ganz so flüssig kombinieren. Robert Lewandowski hinterließ gar keine Spuren in diesem Spiel.

Schmähgesänge von der Südtribüne

Die abwehrgeschwächten Bayern kamen ja auch mit der Last der Niederlage und waren in der psychologisch ungünstigen Lage, etwas verlieren zu können. Sie mussten sich laute Schmähgesänge der Südtribüne anhören. Man muss es nicht gut finden, dass die BVB-Fans Mario Götze so lange mit Bierbechern bewarfen, bis die Schiedsrichter es den Ersatzspielern gestatteten, sich hinter dem anderen Tor warmzulaufen. Was sich aber sagen lässt: Es war echte Heimspielatmosphäre in Dortmund.

Das führte zu einer Diskrepanz zwischen der Wucht der Südtribüne und den immer verhaltener angreifenden Borussen. Auf dem Platz fehlte nach einer abwechslungsreichen ersten Halbzeit ein Crescendo, eine Eskalation, eine Eruption, ein letzter Push am Ende. Tuchel wechselte sogar erst zehn Minuten vor Schluss, ließ alle fünf Verteidiger durchspielen. Und in der 91. Minute tauschte er noch mal Mittelfeldspieler gegen Mittelfeldspieler. Als wollte er Zeit gewinnen und das Remis halten. Die Brechstange hat ein Trainer wie Tuchel eh nicht im Repertoire, aber er konnte nicht mal den japanischen Spielmacher Shinji Kagawa bringen. Der war nicht im Kader.

"Ich bin sehr glücklich", sagte Tuchel. "Wir wollen unser Niveau immer weiter erhöhen." Das Ergebnis, sagte er, beseelt von der Leistung seiner Mannschaft, interessiere ihn überhaupt nicht. Guardiola, der kühler blickte, und er wirkten nicht wie Rivalen. Guardiola sagte, Tuchel sei einer der besten Trainer der Welt. Aber auch der wird ihn in seinem dritten und letzten Bundesliga-Jahr nicht mehr schlagen und nicht mehr aufhalten können.