Am Dienstag verhandelt der Bundesgerichtshof in Karlsruhe einen Prozess, der in die Sportgeschichte eingehen wird. Eigentlich ist er das schon längst. Die wichtigsten Fragen vor dem Pechstein-Prozess:

Wer prozessiert gegen wen?

Claudia Pechstein gegen den Eislauf-Weltverband ISU. Die 44-jährige, noch aktive Eisschnellläuferin will ihren Fall von einem staatlichen Gericht verhandeln lassen, die ISU will, dass weiterhin ausschließlich Sportgerichte über Sport entscheiden.

Der Anlass, der diesen Rechtsstreit zu einem Grundsatzfall macht, liegt sieben Jahre zurück. 2009 sperrte die ISU Pechstein per indirektem Beweis, also ohne positiven Dopingtest, für zwei Jahre, weil sie deren schwankende Blutwerte als Indiz für Doping wertete. Dadurch verpasste Pechstein die Olympischen Winterspiele in Vancouver.

Die ersten zwei Instanzen vor dem Landgericht und dem Oberlandesgericht München hat Pechstein gewonnen, nachdem sie zuvor vor allen Sportgerichten verloren hatte. Die ISU ist in Revision vor den Bundesgerichtshof gegangen. Der kündigt ein Urteil für den 7. Juni an. Die Favoritin heißt Pechstein.

Worum geht es?

Streng rechtlich gesehen geht es nur um Zuständigkeit. Klingt nach einer Kleinigkeit, ist es aber nicht. Es geht um die Frage: Darf ein Sportler vor ein Zivilgericht ziehen? Das soll die Schiedsgerichtsklausel, die die meisten Sportverbände mit Athleten vertraglich vereinbaren, eigentlich verhindern. Wer diese Vereinbarung nicht unterschreibt, kann nicht an internationalen Wettbewerben teilnehmen. Sportler mussten sich bislang der Sportgerichtsbarkeit unterwerfen.

Worum geht es nicht?

In Karlsruhe werden Doping und die fünf Millionen Euro Schadenersatz, die Pechstein fordert, keine unmittelbare Rolle spielen. Gibt das Gericht Pechstein recht, wird das Landgericht München über diese Fragen verhandeln.

Pechstein behauptet, sie habe nicht gedopt. Sie beruft sich auf eine Gruppe von Hämatologen, die den Nachweis erbracht haben wollen, dass Pechsteins Retikulozyten-Werte durch eine geerbte Anomalie begründet sind. Andere Experten macht es allerdings stutzig, dass diese seltene Krankheit speziell unter deutschen Eisschnellläuferinnen weiter verbreitet scheint als im Durchschnitt.

Warum ist der Prozess wichtig?

Die New York Times schrieb von "Schockwellen" für Sportgerichte und -verbände, sollte Pechstein gewinnen. "Das Urteil wird ein Meilenstein der Sportgeschichte", sagt Fabian Reinholz, Sportrechtsexperte der Berliner Kanzlei Härting. Der Sport könnte einen Teil seiner Autonomie verlieren. Er müsste sich vom höchsten deutschen Zivilgericht sagen lassen, dass er seinen Athleten keinen fairen Prozess garantieren kann. "Es mag sein, dass manche Zivilgerichte keine Ahnung vom Sport haben", sagt Reinholz, "aber sie verstehen ihr Handwerk besser als viele Sportrichter."

Welche Folgen wird das Urteil für den Sport und für Sportler haben?

Pechstein kämpft nicht nur für sich, sondern, ob sie will oder nicht, für alle deutschen Sportler. Gewinnt sie, können Sportler künftig wählen, ob sie vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS oder ein nationales staatliches Gericht ziehen. Der Sport verlöre sein Monopol auf seine juristischen Verfahren, müsste seine Gesetze überdenken und seine Gerichtsverhandlungen fairer gestalten. Allerdings habe der Prozess, der rund sieben Jahre dauert, "längst ein Umdenken bei Funktionären eingeleitet", sagt Reinholz. "Der Sport hat sich Gedanken gemacht." Er habe verstanden, dass er gerechter werden muss. Versäume er, sich rechtlich zu modernisieren, müsse er mit weiteren Schadenersatzforderungen durch Athleten rechnen.

Sollte Pechstein verlieren, hätte sie ihr Vermögen vergeblich investiert.

Wie konnte es so weit kommen?

Der Sport hat viel falsch gemacht. Viele Prozesse waren unfair, viele seiner Gerichte nicht unabhängig, Verbände hatten Einfluss auf die Wahl der Richter. Das haben Sportler gespürt, Journalisten beschrieben, Richter begriffen. In den vergangenen Jahren haben Sportverbände einige wichtige Prozesse verloren. Ein Erfolg Pechsteins würde diese Entwicklung zementieren, sagt Reinholz.

Ein anderer Grund ist, dass Athleten mündiger geworden sind. Pechstein mag auf viele stur wirken, doch sie hat zweifellos Mut. Auch der Dreispringer Charles Friedek zog gegen seinen Verband bis vor den Bundesgerichtshof und gewann. Der DOSB hatte ihm zu Unrecht die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2008 verboten. "Die Sportler akzeptieren nicht mehr alles, was Sportgerichte oder Schiedsrichter entscheiden", sagt Reinholz. "Das ist eine gute Entwicklung."

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