Gary Lineker ist der Sohn eines Gemüsehändlers und schoss in den achtziger und neunziger Jahren 48 Tore für England. Vor allem aber ist Gary Lineker ein großer Fußballweiser. Auf Twitter folgen ihm fast 4,7 Millionen Menschen, weil sie hoffen, dass er wieder einmal so einen Satz sagt wie den, der ihn berühmt gemacht hat, damals in der Prä-Twitter-Zeit. "Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen." 1990 sagte Lineker das, nachdem die Deutschen seine Engländer im WM-Halbfinale gerade besiegt hatten. Natürlich im Elfmeterschießen.

Knapp 26 Jahre später wieder so ein Satz. "Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende verspielen die Deutschen einen Zwei-Tore-Vorsprung", twitterte Lineker nach dem 2:3 des DFB-Teams gegen England. Fast 5.000 Leute haben das schon geretweetet. Darunter auch Deutsche.

Nichts zu gewinnen außer ein paar blaue Flecken

Dieser Tweet ist ein wenig übertrieben, weil Deutschand nur ein Testspiel verloren hat. Das ist nicht besonders schlimm; Testspiele haben die Eigenschaft, dass es nicht viel zu gewinnen gibt, außer Selbstvertrauen und ein paar blaue Flecken, wenn es mal wieder jemand zu sehr wissen will. Das gilt auch für einen Klassiker wie gegen England bei dem natürlich immer Abertausende Jahre Fußballgeschichte mit erzählt werden, Wembley 1966, Turin 1990, München 2001, wisst Ihr noch?

Testspiele sind, das sagt sogar ihr Name, dazu da, mal was zu probieren, weshalb beide Trainer nach dem Spiel das Ergebnis relativierten. Roy Hodgson merkte man neben Stolz auch ein wenig Misstrauen diesem Sieg gegenüber an. Er freute sich, den Weltmeister im eigenen Stadion besiegt zu haben, sagte aber auch: "Das ist ein Freundschaftsspiel, mit dem Ergebnis muss man immer etwas vorsichtig sein." Joachim Löw, etwas weniger stolz, sagte: "Man ärgert sich schon, wenn man verliert. Aber mit dieser Niederlage können wir leben."

Aber ganz so einfach sollte man Linekers Erstaunen nicht wegwischen. Es geht nicht unbedingt um den Zwei-Tore-Vorsprung, der verspielt wurde. Auch bis dahin hatte die deutsche Mannschaft nicht überzeugt. Lange hatte man kein deutsches Team mehr gesehen, das sich so schwer tat, ein Spiel in den Griff zu bekommen und das letztlich daran scheiterte. Die Laufwege hätten nicht gestimmt, sagte Löw nach dem Spiel, Kombinationen gefehlt. Über das ganze Spiel hätte es Probleme im Spielaufbau gegeben, seine Mannschaft hätte den Engländern viele Räume geboten und wenig Kontrolle gehabt. Das klingt ziemlich vernichtend. Allerdings, zur Beruhigung der deutschen Fußballfans: Die Mannschaft, die bei der EM aufläuft, wird etwas anders aussehen als die aus Berlin.

Das EM-Team wird anders aussehen

Das trifft vor allem auf die Innenverteidigung zu, in der sich in Halbzeit zwei die beiden talentierten, aber noch unerfahrenen Spieler Antonio Rüdiger und Jonathan Tah versuchten. Bei der EM werden dort die Weltmeister Hummels und Boateng verteidigen. Im Mittelfeld fehlte mit İlkay Gündoğan ein verletzter Spieler, der zu einem der größten Stars der EM werden könnte. Und mit Bastian Schweinsteiger der Kapitän, der vielleicht nicht mehr der Flinkeste ist, aber qua Autorität schon Zweikämpfe gewinnt. Und dann ist da ja noch ein gewisser Mario Götze, dem Löw vor dem Turnier möglicherweise wieder ein paar passende Worte ins Ohr flüstert.

Viel wird über Götze diskutiert werden in den kommenden Wochen. Genau wie über Löws größte Baustellen, die Außenverteidigerposten etwa. Nach dem Rücktritt von Philipp Lahm hat Löw keinen Weltklassemann auf dieser Position mehr. Der Kölner Jonas Hector müht sich, ist ein Liebling von Löw, bei vielen eigenen Flanken und beim 2:2 der Engländer sah er aber nicht gut aus. Auf der rechten Seite verteidigte Emre Can, der bei Liverpool unter Jürgen Klopp eine starke Saison spielt, dort aber deutlich offensiver unterwegs ist, was man auch an diesem Abend merkte.

Kein Durchdiemittekombinieren, dafür Haudrauf

Im Sturm tut sich dagegen Interessantes. Da die Experimente ohne Stürmer – also mit einer sogenannten falschen Neun – nach dem Rücktritt von Miroslav Klose nicht so recht klappten, versuchte es Löw nun wieder mit einem echten Haudrauf. Eine echtere Neun als Mario Gomez gibt es ja nicht. Gomez dankte Löw mit einem schmucken Kopfball, der zwischenzeitlichen 2:0-Führung. Allerdings konnte man den Eindruck gewinnen, das deutsche Spiel sei etwas zu sehr auf Gomez zugeschnitten, es wurde viel geflankt und auf den langen Ball gesetzt. Das Durchdiemittekombinieren, Spezialitäten von Özil und Müller, fand kaum statt, wohl auch, weil es sich mit Gomez’ Spielstil beißt. Max Kruse könnte da der geeignetere Angreifer sein, der aber hatte Stubenarrest in Wolfsburg.

Es ist ja auch schön, dass wir nach dem Spiel über diese Dinge reden können, über Stürmer und Tore. Vor der Partie hatten die meisten Anwesenden ganz andere Dinge im Kopf. Die Besucher, die durch die 1.500 Polizisten in und rund um das Olympiastadion daran erinnert wurden. Die Journalisten, die im Gegensatz zu den normalen Fans sogar durch Körperscanner geschleust wurden, was die Frage aufwirft, ob Journalisten eigentlich gefährlicher sind als der Rest der Menschheit. Und auch die Spieler, die sich natürlich daran erinnerten, dass sie, als sie das letzte Mal dieses Trikot trugen und diese Hymne hörten, die halbe Nacht im terrorerschütterten Stade de France in Paris verbrachten.

Die Anschläge von Brüssel haben den Terror wieder in die Köpfe gebracht. Und fernab der Parolen, die ja richtig sind, aber mittlerweile auch so ausgelutscht wirken – nicht unterkriegen lassen, weiter spielen, sonst haben die gewonnen – wissen alle, dass der Fußball ein perfektes Anschlagsziel ist. Wegen der Massenwirkung, die von ihm ausgeht und weil er den Terroristen auch ideologisch ein Dorn im Auge ist: Mischen sich dort doch die Kulturen und Religionen und bauen im friedlichen Wettstreit Brücken wie es sie sonst nicht allzu oft gibt.