Ja, sie freuen sich wirklich. Mario Götze und Thomas Müller © Patrick Stollarz/AFP/Getty Images

Wir sind hier nicht Berlin, hier ist Stimmung. Die Arena wird zur Festung, schrie es aus den stummen Verkäufern, den Zeitungskästen in den Münchner Straßen. Also riefen die Fans nach Toren "Sieg!". Sie sangen Mexico, den im deutschen Block beliebten Song einer Schlagerband. Wie es schien, hatte der DFB auch seinen Fanclubmitgliedern für Ballstafetten Applaus verordnet. Und zum Schluss erschallte der Klassiker Oh, wie ist das schön.

Nach den Debatten um die Berliner Trauerklöße, die gegen die englischen Fans eine haushohe Heimniederlage erlitten hatten, rehabilitierte sich der Schlaaand-Fan gegen Italien. Wohlwollend könnte man sagen, er hat seine Kreativität wiederentdeckt, zumindest jedoch seine alte Form. Wie der Fan, so die Mannschaft. Auch sie hatte gegen England mindestens leichte bis mittlere Zweifel an ihrer Qualität geweckt. Gegen Italien fand sie aber zurück zu Spielwitz und Konzentration.

Das Spiel war das Ende der gut eineinhalb Jahre dauernden Phase zwischen zwei Höhepunkten, dem Weltmeistertitel von Rio und der nächsten großen Aufgabe, der Europameisterschaft in Frankreich. Durch den verblüffend hohen 4:1-Sieg gegen die Italiener, die vor wenigen Tagen 1:1 gegen Spanien spielten, beendete die DFB-Elf diese sehr schwache Zeit und lässt darauf hoffen, dass sie sich zusammenreißen kann, wenn's drauf ankommt.

Fußball-Länderspiel - Löw zufrieden nach Sieg gegen Italien Bei der EM könnte aber alles wieder anders werden. Dann herrschen andere Voraussetzungen, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem Spiel.

Selbst gegen Gibraltar Probleme

Seit Rio haben die Deutschen nicht viel hinbekommen. Ohne den zurückgetretenen Kapitän Philipp Lahm verloren sie gegen Argentinien, Polen, die USA, Irland und Frankreich. Heimspiele gegen Australien und Irland gewannen sie nicht. Im entscheidenden Qualifikationsmatch gegen den Zwerg Georgien reichte es nur zu einem knappen Sieg. Selbst gegen die Polizisten, Feuerwehrleute und Verwaltungsinspektoren aus Gibraltar musste der deutsche Torwart eingreifen. Gute Leistungen sah man fast nie, am ehesten beim 3:1 gegen Polen. Aber auch in diesem Spiel klafften Löcher in der Abwehr.

Die Niederlage gegen England war ein weiterer Rückschlag, der aber deshalb schwerer wog, weil er im Jahr der EM passierte. Und weil er trotz 2:0-Führung zustande kam. Es waren nicht nur Lücken in der Defensive zu beobachten. Auch das Mittelfeld verlor den Ball oft und konnte den Gegner nicht vom Tor weghalten. In der Offensive ging auch wenig. Lag diese Mangelware in allen Teilen wirklich nur daran, dass man angeblich im Testspielmodus war, wie Thomas Müller recht freimütig zugab?

Solche Fragen stellen sich dem deutsche Fan nach dem Italien-Spiel nicht mehr so deutlich. Gegen Italien waren alle Beteiligten engagiert, die Eindrücke aus dem letzten Spiel und der gesamten Post-Rio-Zeit zu korrigieren. Die disziplinierten Verteidiger Shkodran Mustafi und Mats Hummels hatten alles im Griff. Die Außenverteidiger waren aktiv, der linke, Jonas Hector, schoss ein Tor, der rechte, Sebastian Rudy, wurde kurz vor dem Tor elfmeterreif gefoult.

Thomas Müller gefiel als Ballverteiler und Flankengeber, quasi in einer gegen den Strich besetzten Rolle. Im Mittelfeld waren Toni Kroos und Mesut Özil mit ihren flinken Füßen Gegenspielern gewandtheitsmäßig so überlegen wie Terence Hill den seinen, vielleicht wollten sie dem venezianischen Spaghettiwesternhelden zum 77. Geburtstag gratulieren.

Mario Götze erzielte ein fast schüchtern vorgetragenes und doll bejubeltes Kopfballtor, obwohl ihn zwei italienische Verteidiger von hinten und von vorne in Deckung nahmen, als wäre er eine Calzone. Mit einem Hackentrick streckte er außerdem den Abwehrchef Leonardo Bonucci zu Boden, der ohne Gegnerkontakt verletzt ausgewechselt werden musste. Wie Julian Draxler mit einem couragierten Dribbling und einem brillant maskierten Pass das dritte deutsche Tor vorbereitete, war der sportliche Höhepunkt des Abends.