Das Maskottchen der Berliner Eisbären zeigt Mut zur Farbe © Oliver Mehlis/picture alliance/dpa

Der Moment hat etwas Warmes und Einfaches. Er wärmt einfach. "Unser Leben wär’ so leer ohne Bärn. Wir haben die Eisbären so gern." 14.000 Menschen stehen auf, klatschen, singen ihre Hymne, die getragen von krachendem E-Gitarrensound auf ihren Refrain-Höhepunkt zusteuert. "Hey, wir wollen die Eisbären sehn’!" Der Text holpert altmodisch, doch gerade deshalb ist seine Eindringlichkeit bestechend. Woche für Woche tritt der Eisbären-Zuschauerchor auf, gibt es das Ritual in der Arena in Friedrichshain. Vor jedem Heimspiel des Berliner Clubs aus der Deutschen Eishockeyliga. In 20 Jahren wurde der Song der Puhdys zum Markenzeichen der Eisbären. In 17 Sprachen wurde er übersetzt, Dynamo Moskau hat ihn zuerst als Clubhymne geklaut, bevor andere ihn kopierten. In England, Russland, Holland, überall. Clubs wollten das Lied kaufen und umdichten – Schalke und Borussia Dortmund waren darunter. Und für die Puhdys ist das Eisbären-Lied ihr größter Hit nach der Wende geworden. Auf ihrer Abschiedstournee spielten sie es als Zugabe.

So ganz verstehen kann der Manager der Altrocker das Phänomen dieses Lieds nicht. Rolf Henning sagt: An sich war der Song nur eine kleine Auftragsarbeit, Dieter Birr, Puhdys-Frontmann mit dem Künstlernamen "Maschine" hat sie auf dem Weg von Magdeburg nach Berlin im Bus komponiert. Hat ja auch die Faszination des Flüchtigen, der Text: "Jeder denkt, was jeder hier weiß, ohohohohoh, so bärenstark und voll Energie, ohohohohoh, so war’n sie, so war’n die Eisbären noch nie." Doch aus diesem Nebenbeiprodukt wurde die populärste Sporthymne des Landes. Ein Langzeithit, der sich auch ein Stück von den Eisbären emanzipiert hat und dessen viele Coverversionen von Kitzbühel bis Mallorca das Partyvolk grölen lassen.

Der Weg dahin war lang. Fast wäre das Lied nicht erschienen, wäre die Idee von 1996 nicht zu so einem Erfolg geworden.

Damals kam der damalige Aufsichtsratsvorsitzende der Eisbären, Rudi Simon, mit seinem Berliner Nachbarn Dieter Birr ins Gespräch. "Wollen wir da nicht mal etwas versuchen?", hat Simon gesagt. So eine Art Clubhymne schwebe ihm vor, ein Markenzeichen, wie es andere Vereine auch hätten. Maschine ging zu seinem Manager. "Die Puhdys waren nicht so sportaffin", erzählt Rolf Henning. Das Gespräch verlief in etwa so: "Eisbären, was machen die denn?" Henning: Eishockey. So mit dem Schläger und Puck." Maschine: "Sind die populär?" Henning: "Ja, du musst dir das mal anschauen, was da los ist im Wellblechpalast." Machte Maschine. Und war begeistert. Der "Spirit" der Fans, die Stimmung, die Action, der Krach, all das habe ihn angesteckt, erinnert sich Martin Müller, damals Generalbevollmächtigter der Eisbären. "Ist ja Wahnsinn", habe Maschine ihm gesagt.


Wenige Tage später war eine erste Demoversion des Eisbären-Songs fertig – und Martin Müller wollte das Ganze kippen. 50.000 Mark sollte die Auftragsarbeit kosten. Der Club war noch kein Unternehmen eines Milliardärs aus den USA. Müller sagt: "Es war ja immer angespannt bei uns. Wie sollten wir das refinanzieren? Aus heutiger Sicht war das mit dem Song richtig, ohne Wenn und Aber, doch wenn Du davor stehst."

Angekommen im Party- und Diskoalltag

Martin Müller hörte sich mit Maschine und Manager Henning das Demo an und fand "die Nummer auf Anhieb stark". Fehlten nur noch die Stadiongeräusche, die Fans im Hintergrund. Es gab einen Aufruf und prompt kamen 400 Fans an einem Mittwochnachmittag in den Wellblechpalast und sangen mit – den Refrain. An sich ist das Lied vor allem Refrain, sagt Henning. "Und zwar so einer, den man beim ersten Mal mitsingen kann."

Das ist wichtig, wichtig ist aber auch der Bezug der Fans zum Stück. "Es ist unser Lied", sagt Eventprofi Volker Goede. Er arbeitet bei den Heimspielen seit Jahren am Entertainment rund um das Spiel. Die Nummer spielen die Eisbären inzwischen zwei Mal am Spieltag, vor dem Spiel und meist bei der Ehrenrunde. Goede sagt: "Die Hymne ist maßgeblich an unserem Erfolg beteiligt und hat uns auch überregional viel Zuspruch gebracht."

Das Lied ist gewandert. Von Berlin in den "Party- und Diskoalltag", wie Goede sagt – und zurück. 1997 haben es die Puhdys mit Vollplayback im Wellblechpalast vorgestellt, vor einem Heimspiel. Der damalige Manager Lorenz Funk hatte etwas dagegen. "Eishockeyspieler sind wie Rennpferde", sagte er damals zu Martin Müller. "Die wollen sofort raus und spielen." Die Puhdys durften dann aber auch spielen, die Resonanz war an sich gut, aber auch nicht überwältigend. Eine Clubhymne wurde das Eisbären-Lied erst mit Verspätung.

Drei, vier Jahre nach der Premiere im Wellblechpalast: Rolf Henning ist im Skiurlaub in Tirol, sitzt abends in der Hütte und auf einmal läuft das Eisbären-Lied. "Alle Leute singen mit auf der Hütte, nur wen ich nicht höre, ist Maschine." Henning wusste: Das ist ein Hit. Irgendeine Band hatte die Nummer gecovert, das war aber auch schon egal. Die Puhdys nahmen den Song, der sich bis dahin gut im unteren fünfstelligen Bereich verkauft hatte, auf ihr neues Album. Zuvor hatten die Eisbären um die 30.000 Tonträger mit dem Stück verkauft, die Puhdys 20.000. Das war nicht schlecht, aber nun "begann der Run", sagt Henning.