Wer eine schöne Zukunft will, muss mit der Vergangenheit aufräumen, sagt Gerhard Treutlein. Der Heidelberger Sportpädagoge ist seit Jahrzehnten einer der renommiertesten Doping-Gegner im deutschen Sport. "Im Sport wird zwar immer gedopt werden", sagt er, "aber man kann durch Aufklärung, auch historische, die Entwicklung bremsen".

Treutlein ist Mitglied einer Forschergruppe, die von der Universität Freiburg beauftragt wurde, die Dopinggeschichte ihres sportmedizinischen Instituts aufzuarbeiten. Das idyllische Städtchen am Rande des Schwarzwalds war das Zentrum des westdeutschen Sportbetrugs, hier wirkten die Quacksalber Keul und Klümper. Als vor rund zehn Jahren bekannt wurde, dass hier die Telekom-Radler um Jan Ullrich zu nationalen Helden gespritzt wurden, musste die Uni handeln und setzte eine Evaluierungskommission ein, die untersuchen sollte, wie viel Steuergeld in Dopingforschung gesteckt wurde, inwiefern die Politik in den Skandal verstrickt war und ob aktuelles Personal des Instituts vorbelastet ist.

Am Dienstag hat sich die Kommission nach jahrelangen Querelen aufgelöst. Sie wirft der Leitung der Universität vor, ihre Arbeit behindert zu haben, ihre Befugnisse zu beschneiden und ihre Ergebnisse zensieren zu wollen. Kurz: Die Uni Freiburg sei nicht an Aufklärung interessiert.

Vorangegangen war ein permanenter Konflikt der Kommission mit dem Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer. Anfragen der Forscher wurden verzögert, Akten vor ihnen versteckt. In den vergangenen Wochen hatte sich der Konflikt verschärft. Gegenseitige Vorwürfe und Anschuldigungen gipfelten in gegenseitigen Ultimaten.

"Es ist für uns eine schwierige Entscheidung und wir bedauern sehr, die Arbeit so kurz vor ihrem Abschluss abbrechen zu müssen. Aber wir können im Sinne einer wahrhaftigen Aufklärung keine Kompromisse eingehen", sagte der stellvertretende Vorsitzende der Kommission Hellmut Mahler. Das sei die Evaluierungskommission "den Menschen, die in sportmedizinischer Betreuung sind, und der Öffentlichkeit schuldig".

Die fünf Zurückgetretenen, darunter die beiden Antidopingexperten Fritz Sörgel und Perikles Simon, warfen der Uni Freiburg vor, die bei der Einsetzung 2007 garantierte Unabhängigkeit nicht mehr gewährleistet zu haben. Nur die Kommissionsvorsitzende Letizia Paoli schloss sich ihren fünf Kollegen nicht an.

Schiewer wies die Kritik zurück. Den Rücktritt bezeichnete er als "unbegründet und verantwortungslos". Schiewer sagte, die wissenschaftliche und inhaltliche Unabhängigkeit der Evaluierungskommission sei zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt gewesen. Er forderte das Gremium auf, seine bisherigen Ergebnisse zur Verfügung zu stellen.

Belege für Wissenschaftsbetrug

"Es wäre verantwortungslos gegenüber der Öffentlichkeit und gegenüber dem Auftraggeber, die bis jetzt erstellten Unterlagen der Kommission zurückzuhalten oder gar zu vernichten, da sie Grundlage für die von der Universität weiter angestrebte volle Aufklärung der Geschichte der Freiburger Sportmedizin sind", sagte Schiewer. "Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf."

Die Kommissionsmitglieder versicherten ihrerseits, ihre Aufklärungsarbeit fortzusetzen. "Alle Kommissionsmitglieder fühlen sich der Aufklärung von Dopingvorgängen und wissenschaftlichem Fehlverhalten in der Sportmedizin auch weiterhin verpflichtet", heißt es in einer Stellungnahme. "Im Rahmen ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Tätigkeit werden sie weiter dazu beitragen, dass die Dopingaufklärung in Deutschland und darüber hinaus fortgeführt wird."

"Wir werden uns nicht daran hindern lassen, unsere Ergebnisse zu veröffentlichen", sagt das Kommissionsmitglied Gerhard Treutlein. Befunde, zum Beispiel dass auch im Fußball gedopt worden sein soll, wurden bereits öffentlich. Die Universität habe Angst, glaubt Treutlein, vor allem vor weiteren Indizien für Wissenschaftsbetrug. Mehr oder weniger zufällig fand die Kommission nämlich heraus, dass Habilitationen und Dissertationen der Freiburger Sportmedizin erhebliche Mängel aufweisen. Außerdem fand die Kommission Belege für Selbstplagiate, Manipulationen und Scheinautorschaften. 

Die Forscher um Treutlein werden wohl nun ohne die Uni Freiburg ihre Resultate publizieren. Das könnte sogar zu ihrem Vorteil gereichen. "Universitäten schwärzen und zensieren gerne", sagt Treutlein, das habe man zum Beispiel bei anderen deutschen Doping-Studien gesehen. "Wir aber sind freier, die Wahrheit kommt nun erst recht ans Licht."