ZEIT ONLINE: Herr Zeising, ein Film über Exilfans in Berlin, Fans aus dem gesamten Bundesgebiet also, die dazu verdammt sind, die Spiele ihres Vereins in Berliner Kneipen statt im Stadion zu verfolgen. Warum?

Martin Zeising: Bei mir liegt das Thema auf der Hand. Ich bin selbst Nürnberg-Fan, lebe aber in Berlin. Vor allem aber wollte ich einfach mal zeigen, dass es auch andere Fußballfans gibt, als die grölenden oder prügelnden, die man aus den Medien kennt. Ich habe Fans getroffen, die Fußball gucken möchten, feiern, Bier trinken und Spaß haben. Ohne dumpfe Rivalitäten. Es gibt sogar eine Berliner Kneipe, die Tante Käthe, die sich Freiburger und Bielefelder Fans teilen. Ich war da beim direkten Duell der beiden und da sitzen die Fans nebeneinander, bunt gemischt und friedlich. Im Stadion wäre das schwierig. Das ist eine Besonderheit der Berliner Exilfans. Es wird zwar gefrotzelt, aber niemand käme auf die Idee, den anderen auf die Nase zu hauen.

ZEIT ONLINE: Sie haben diese Exilfans über die komplette Hinrunde mit der Kamera verfolgt. Was sind das für Leute?

Zeising: Leute wie du und ich, sämtliche soziale Schichten. Es gibt für fast jeden Erst- und Zweitligaverein, sogar für viele Drittligavereine in Berlin irgendeinen Fanclub und meist auch eine Fankneipe. Das reicht vom Hardcorefan aus Gelsenkirchen, der jedes Wochenende nach Hause fährt, bis zu denen, die nur mal in der Kneipe vorbeischauen, wenn ihr Verein mal ein bisschen erfolgreich spielt.

ZEIT ONLINE: Unterscheiden sich Exilfans irgendwie von normalen Fans?

Zeising: Prinzipiell ticken die genauso. Es gibt aber Unterschiede im Ausleben der Leidenschaft. Unter den Exilfans gibt es genau ein Highlight im Jahr: Wenn der eigene Verein hier bei der Hertha oder Union spielt. Für die meisten Exilfans ist ein Stadionbesuch etwas Besonderes. Deswegen leben sie ihre Besuche mehr aus. Im Film erzählt ein Freiburg-Fan, dass, wenn sie nach Freiburg ins Stadion fahren, es eben nicht hin und sofort wieder zurück geht. Das ist gar nicht machbar bei 800 Kilometern Entfernung. Die machen dann eine Dreitagestour draus, zelebrieren und genießen das richtig.

ZEIT ONLINE: Aber einfach ist das Exilfandasein nicht, oder?

Zeising: Nein, vielleicht muss man als Exilfan auch ein wenig stärkeres Gefühl haben, weil es eben nicht möglich ist, jedes zweite Wochenende mal eben ins Stadion zu gehen, während man morgens noch die Einkäufe erledigt hat. Wenn du auf einem Level wie ein normaler Heimfan sein willst, musst du als Exilfan mehr Leidenschaft aufbringen. Das ist wie in einer Fernbeziehung. An der muss man auch härter arbeiten.

ZEIT ONLINE: Kommen alle Exilfans aus der Region ihres Heimatvereins?

Zeising: Die meisten schon. Aber es gibt in vielen Fanclubs auch waschechte Berliner oder völlig regionsferne Menschen. Woher die Leute kommen, spielt aber keine Rolle. Das Wichtige ist, dass das Herz für den richtigen Verein schlägt. Bei uns dürfen auch Fürther dabei sein, solange sie ein Nürnberg-Trikot tragen. Es kann ja keiner was für seine Geburtsstadt.

ZEIT ONLINE: Schaut man sich den Film an, glaubt man, diese Gemeinschaft hat eine integrative Wirkung.

Zeising: Das hat sie bestimmt auch. Vielen Neuankömmlingen in Berlin wird genau dieses Ankommen leicht gemacht. Der größte Exilfanclub ist übrigens der der Stuttgarter. Da ist es wieder, das Klischee von der Schwabeninvasion.