ZEIT ONLINE: Herr Laue, Sie haben sicherlich verfolgt, wie der Computer AlphaGo gegen den weltbesten Go-Spieler klar gewonnen hat. Haben Sie das erwartet?

Tim Laue: Ein bisschen überraschend ist das schon. Es waren beide Seiten davon ausgegangen, zu gewinnen.

ZEIT ONLINE: Das Besondere an diesem Fall ist, dass dieser Go-Computer nicht auf reiner Rechenkraft basiert, sondern quasi mitlernt. Der Computer wird auf eine gewisse Art menschlich. Müssen wir uns um die Menschheit sorgen?

Laue: Nein, das glaube ich nicht. Manchmal projiziert man da auch zu viel rein. Der Computer lernt nicht selbst. Er nutzt sehr rechenintensive Lernverfahren, die man verwendet, wenn man als Mensch einen Computer programmiert und die Lösung nicht ganz offensichtlich ist. Man formuliert dann ein sogenanntes Lernproblem, das sind aber auch nur Computeralgorithmen, also Rechenschemata, die dem Computer vormachen, wie er durch Probieren herausfindet, wie man erfolgreich Go spielt. AlphaGo hat Millionen Spiele gegen sich selbst gespielt und gelernt, welche Sammlungen von Steinen ihn weiter bringen und und welche nicht. Das sind raffinierte Verfahren, die aber nur dann funktionieren, wenn man genug Rechenleistung hat.

ZEIT ONLINE: Nun sind es vor allem Denksportarten, Schach und Go beispielsweise, die den Computern zum Opfer fallen. Das wird den Denksportlern natürlich nicht gefallen, es ist fast eine gewisse Tragik, dass Intelligenz als Erstes eingeholt wird. Überall sonst in Spiel und Sport stoßen Computer noch an Grenzen. Welche ist die Spezialkompetenz des Menschen, bei der er am meisten Vorsprung vor Maschinen hat?

Laue: Gute Frage. Ich kann sie erst einmal andersrum beantworten. Schach und Go sind vom Setup her für den Computer dankbar, weil der komplette Spielzustand beobachtbar ist. Es liegt alles auf dem Brett, 64 Felder beim Schach, schwarz und weiß. Schon beim Poker bleiben einige Karten verdeckt, da hilft dem Menschen Intuition und Menschenkenntnis. Da wird es psychologisch, also schwierig für den Computer, weil sich Dinge nicht mehr mit Ja oder Nein ausdrücken lassen, nicht mehr direkt berechenbar sind. Wie berechne ich Emotionen? Wie erkenne ich einen Bluff? Da kommen wir derzeit noch in sehr unsicheres Terrain. Obwohl es mittlerweile auch Computer gibt, die zumindest einen einzelnen Menschen im Poker besiegen.

ZEIT ONLINE: Schwierig wird es für Roboter, wenn es wirklich körperlich wird, oder?

Laue: Ja, da stehen wir auf allen Ebenen vor großen Problemen. Da kommen Sensoren und Aktuatoren ins Spiel, also Dinge wie Motoren. Momentan sind wir noch weit weg davon, Antriebe gefunden zu haben, mit denen sich komplexe Roboter so geschmeidig, schnell und effizient bewegen wie menschliche Sportler. Im Fußball zum Beispiel gibt es Situationen, die nicht mehr klar beschreibbar sind. Wenn es ein Gedränge im Strafraum gibt, sieben Spieler aneinander zerren und dann irgendwo ein Ball durchgestochert wird, muss der Roboter das erstmal sensorisch erfassen und die Situation für sich so beschreiben, dass er ausrechnen kann, was zu tun ist. Das ist dann oft zusätzlich noch ein Zeitproblem, schließlich läuft das Spiel kontinuierlich weiter und hat keine abwechselnden Züge, wie Schach oder Go.

ZEIT ONLINE: Also je motorisch oder koordinativ komplexer ein Sport, desto schwieriger für den Roboter?

Laue: Man kann ganz allgemein sagen: Die Dinge, die uns als Mensch leicht fallen, also einen Ball fangen, ist für den Computer viel weiter weg, als Dinge, die vielen Menschen schwer fallen, also einen Großmeister im Schach besiegen.

ZEIT ONLINE: Sie haben erfolgreich an sogenannten RoboCups teilgenommen, an Roboterfußballturnieren. Es sieht sehr putzig aus, wie die Roboter da rumrollen und umkippen. Dennoch gibt es zum Beispiel schon einen Torwartroboter, an dem Lionel Messi scheiterte. Punktuell funktioniert es also schon.

Laue: Ja, wobei dieser Robokeeper sehr speziell ist. Da ist ein starker, schneller Motor drin, der wie beim Tippkick die Torwartscheibe nach links oder rechts dreht. Beim RoboCup ist das Puzzle, das man zusammensetzen muss, viel größer.

ZEIT ONLINE: Was ist das größte Problem, vor dem sie als Entwickler stehen?

Laue: Es kommt drauf an, aus welcher Richtung ich schaue. Was Elektrotechnik und Maschinenbau angeht, ist es die Frage, wie man schnelle, robuste, leichte Motoren konstruieren kann. Wir haben einen großen Roboterarm, der sonst Autos zusammenschraubt, mal einen Fußball schießen lassen. Der hat schwächer geschossen als ein fünfjähriges Kind. Der Mensch hat eben sehr, sehr effiziente Aktuatoren. Unsere Muskeln sind leicht und können eine sehr hohe Geschwindigkeit bei ziemlich geringem Energieverbrauch erreichen. Ein 80 Kilo schwerer, 1,80 Meter großer Roboter, der genauso schnell ist wie Cristiano Ronaldo, ist noch weit weg. Aus Informatiksicht treiben uns aktuell Bildverarbeitungsdinge um. Beim nächsten RoboCup wird es erstmals Spiele draußen geben und dann kommt es auf die Verarbeitung der Bilddaten bei Sonneneinstrahlung an. Der Wechsel von Licht und Schatten. Die menschlichen Augen passen sich innerhalb von Sekunden an, wenn man bei Sonnenschein ins Haus kommt. Die Roboter aber so zu programmieren, dass sie schnell mit wenig Rechenlast alle möglichen Dinge erkennen, ist eine große Aufgabe. Oder den Roboter in einem Zweikampf erkennen zu lassen, wo seine Gliedmaßen sich befinden oder die des Gegners. Wirklich schwierig.