ZEIT ONLINE: Herr Gerlach, zum ersten Mal besiegte ein Computer, AlphaGo von Google, einen Spieler der Go-Elite, den Südkoreaner Lee Sedol, der zehn Jahre die Nummer eins der Welt war. Ist das eine Sensation?

Christoph Gerlach: Ja. Das war bis vor einem Jahr undenkbar. Damals dachte man, es dauert noch zehn Jahre, bis das möglich ist. Es ist ein Triumph der künstlichen Intelligenz.

ZEIT ONLINE: Ist es auch eine Kränkung für die Menschheit?

Gerlach: Nein, wir Go-Spieler kommen damit klar. AlphaGo hat ja von Menschen gelernt, es hat Tausende Spiele der besten Profis ausgewertet. Auch die Go-Welt wird von dieser rasanten technischen Entwicklung profitieren. Es werden neue Spielideen entstehen, mehr Leute können Go besser verstehen.

ZEIT ONLINE: Go spielen lernt man in einer Minute, Go gewinnen in Jahren, heißt es. Nun gewinnen Computer. Spielen sie anders als Menschen?

Gerlach: Es gibt Programme, die spielen anders: wie Maschinen.

Künstliche Intelligenz - Computer besiegt Go-Meisterspieler Die Software AlphaGo hat im ersten von fünf Spielen den Go-Spitzenspieler Lee Sedol besiegt. Manche bewerten diesen Sieg gar als Meilenstein in der Entwicklung selbstlernender Maschinen.

ZEIT ONLINE: Also gut?

Gerlach: Nein, schlecht. Gegen die gewinnt ein guter Amateur. AlphaGo ist anders. Es handelt auch intuitiv, es spielt wie ein Mensch und daher so gut. Bislang war es nicht möglich, Intuition durch Rechenleistung wettzumachen. AlphaGo hat das nun geschafft.

ZEIT ONLINE: Könnte ein Experte, der nur die Züge der Partie zwischen Sedol und AlphaGo nachliest, erkennen, wer Mensch und wer Maschine ist, wie in einem Turing-Test

Gerlach: Ich habe keinen Unterschied entdeckt. Und ich glaube, andere auch nicht.

ZEIT ONLINE: Eine Spielanalyse, bitte.

Gerlach: Sedol war sehr gut drauf. Er ist ein sehr flexibler Spieler. Er hat modernes, offensives Go gespielt. Eigentlich ist nichts bei ihm schiefgegangen. Auch war er gewohnt kämpferisch. Spieler dieser Klasse scheuen das Risiko nicht, das macht sie so stark.

ZEIT ONLINE: Hat die Maschine den Kampf angenommen?

Gerlach: Sie musste alles geben und hat aggressiv dagegengehalten. Sie ging ans Maximum. Das musste sie auch, sie gewann knapp, hatte einen Vorsprung von drei bis fünf Punkten, als Sedol aufgab.

ZEIT ONLINE: Man könnte ja denken, Maschinen gewinnen gegen Menschen, weil sie besser rechnen können.

Der dreifache Deutsche Go-Meister Christoph Gerlach © privat

Gerlach: Mit Rechnen kommen Sie im Go nicht weit. Es ist zu kompliziert, es gibt zu viele Möglichkeiten. Ein gesetzter Stein entfaltet seine Wirkung oft erst in 50 Zügen. Im Go liegt der Horizont, anders als beim Backgammon oder Schach, weit entfernt.

ZEIT ONLINE: Der beste Schachspieler wurde vor 20 Jahren von einem Computer geschlagen. "Menschen mit höherer Bildung widmen sich dem Go, die Mehrheit der einfachen Menschen entspannt sich beim Schach", sagte der südkoreanische Go-Meister Song Du Yul.

Gerlach: Im Go gibt es mehr mögliche Züge als Atome im Universum. Alleine pro Zug hat man 200 Optionen, im Schach nur 20. Im Schach werden die Figuren während des Spiels weniger, im Go werden sie mehr. Go ist bedeutend komplizierter, es verlangt vernetztes, nichtlineares Denken. Oft wissen nicht mal Experten, für wen es auf dem Brett gerade besser aussieht.

ZEIT ONLINE: Es gibt vier weitere Partien. Wie wird Sedol die Niederlage wegstecken?

Gerlach: Enttäuscht, er wird an diese Partie noch in zehn Jahren denken. Doch als Go-Spieler muss man verlieren können und analytisch drangehen. Vielleicht revanchiert er sich mit einer Strategie, die AlphaGo nicht kennt. Mit einer nichtmenschlichen Strategie sozusagen.

ZEIT ONLINE: Können Menschen spielen wie Nicht-Menschen?

Gerlach: Sie können zumindest unorthodox spielen. Darauf ist die Maschine vielleicht nicht vorbereitet. Vielleicht schlägt der Mensch zurück, noch ist das Duell nicht verloren.

ZEIT ONLINE: Wie hätten Sie eigentlich gegen AlphaGo gespielt?

Gerlach: Ich hätte sicher nicht so gut ausgesehen wie Sedol, wahrscheinlich aber ähnlich knapp verloren. Maschinen könnten viel höher gewinnen, neigen im Erfolg aber zur Risikovermeidung. Sie bringen den Sieg sicher ins Ziel, ohne ihn maximieren zu wollen. Go-Computer spielen wie BayernMünchen früher.