Am Tisch sitzen Pep Guardiola, Arsène Wenger, Guus Hiddink, Arrigo Sacchi und Xavi. Sie sind die Jünger, sie lauschen ihrem Oberhaupt Johan Cruyff. Gemalt ist die Szene im Stil der alten holländischen Meister wie Vermeer. Sie illustriert, nur leicht ironisch, den letzten Text, der zu Cruyffs Lebzeiten erschien. Das englische Digitalmagazin Bleacher Report hat ihn vor wenigen Wochen verfasst. Wobei, Text kann man eigentlich nicht sagen, es ist eine Verbeugung, eine Eloge, eine Heiligsprechung. Der Titel: "Cruyffs Kirche".

Kunst, Religion – geht es um Johan Cruyff, werden seine Verehrer pathetisch. Er war der Fußballer der siebziger Jahre. Mit Ajax Amsterdam und dem FC Barcelona gewann er alles, im Oranje-Dress der hinreißenden Nationalelf Hollands war König Johan bester Spieler der Weltmeisterschaft 1974. Später war er als Trainer und Denker noch erfolgreicher. Er prägt den Fußball seit Jahrzehnten, bis heute und auch den der Zukunft. Sein Einfluss ist gar nicht zu überschätzen.

Cruyff ist der Erschaffer des modernen, der Kirchenvater des schönen Fußballs.

Die Eleganz des heringdünnen, kettenrauchenden Spielers Cruyff ist ikonisch. Immer verfolgt von den härtesten Abwehrrecken, meist mehreren, vollzog er liquide Bewegungen. Im schnellen Lauf konnte er, der die Nummer 14 berühmt machte, sich tot stellen und blitzschnell in eine andere Richtung schwenken. Nicht selten fielen die Gegner um, blickten und traten ins Leere. Cruyff war längst woanders als sie ihn vermuteten.

Bei seinen winkligen Pässen und Schüssen verbrachte er geometrische Wunder. Sein berühmtester Trick: Er täuschte die Flanke an und legte den Ball hinter seinem Standbein am Gegner vorbei. Ein holländischer Choreograph beschrieb ihn als den größeren Tänzer als Rudi Nureyew.

Cruyffs erhabener Fußball war kein Selbstzweck. Er war die Synthese aus Ästhetik und Effektivität. Mit seinen Dribblings und Pässen, oft mit dem Außenrist, riss er Abwehrreihen auseinander, schoss Tore und bereitete Tore vor. Cruyff verhinderte den Siegeszug des zynischen Ergebnisfußballs, auch wenn Holland das Finale 1974 gegen Deutschland verlor. Oranje war das beste Team des Turniers, wollte die Deutschen im Finale nach früher Führung aber vorführen. Cruyffs größte Niederlage, dem auch ein gewisses Selbst- und Sendebewusstsein nicht fremd war.

Schon der Spieler Cruyff war ein Trainer. "Voetbal Total" hieß das Credo des holländischen Nationaltrainers Rinus Michels, die ganze Mannschaft, inklusive Tormann, sollte beim Angriff mitmachen. Ohne Cruyff hätte er es nicht umsetzen können. "Ohne Cruyff habe ich kein Team", sagte Michels. Das Genie Cruyff war der Beleg dafür, dass Individuum und System im Fußball Hand in Hand gehen können. Aber auch, dass das Individuum wichtiger ist.