Joshua Kimmich © Andreas Rentz/Getty Images Europe

Dass Joshua Kimmich vor allem durch eine Szene nach einem Spiel im Kopf bleibt, liegt auch an seinem Trainer. Nach dem Abpfiff des Bundesliga-Gipfels in Dortmund erteilte Pep Guardiola seinem Spieler mitten auf dem Feld eine Lektion. Er stellte sich Nase an Nase, legte seine Arme um seine Schultern, redete fuchtelnd auf ihn ein. Was der Trainer alles sagte, ist nicht bekannt. Aber alles richtig gemacht hatte sein Spieler wohl nicht. Der brave Kimmich machte aber dann alles richtig. Er hörte zu und nickte.

Guardiola beschäftigt sich in letzter Zeit viel mit Kimmich. Er braucht ihn und setzt auf ihn, jetzt, in den wichtigen Spielen, etwa am heutigen Mittwoch im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen Juventus Turin. Guardiola hat sogar so viel Vertrauen in den Fußballer Kimmich, dass er ihn in die Abwehr stellt, obwohl er Mittelfeldspieler ist.

Guardiola könnte gelernte Verteidiger aufstellen, etwa den zig Millionen teuren Medhi Benatia oder den Winterkauf Serdar Taşçı. Doch er hält Kimmich für besser. "Sagt nicht mehr, dass er nicht Innenverteidiger spielen kann!", sagte Guardiola zu Journalisten. "Ich habe ihm gesagt, dass er einer der besten Innenverteidiger der Welt ist." Guardiola sagte auch: "Ich liebe Joshua Kimmich, er ist für mich wie ein Sohn."

Kimmich genießt nicht nur die volle Aufmerksamkeit seines Trainers. Zurzeit reden alle über das vielseitige Talent, das vor einem Jahr nur Experten kannten. Womöglich sieht man ihn bei der Europameisterschaft in Frankreich. Die Süddeutsche Zeitung adelt den 21-Jährigen als "Anführer". Bayernfans sehen in ihm die goldene Zukunft. "Wir sind Weltmeister im Übertreiben", sagte Matthias Sammer mit Blick auf den Kimmich-Hype.

Doch auch weil man weiß, wie strategisch Guardiola hymnisches Lob verteilt, sollte man daraus nicht schließen, dass er ihn so toll findet, dass er ihn zu seinem künftigen Verein nach Manchester mitnehmen will. Guardiolas verdächtig hohen rhetorischen Aufwand sollte man zum Anlass nehmen, zu fragen: Was kann Kimmich eigentlich wirklich?

Dass Kimmich in seinem ersten Jahr bei den Bayern überhaupt spielt, ist eine große Leistung. Er lernt schnell, hat kaum Schwächen, ist ein gut ausgebildeter Fußballer. Er kann verschiedene Positionen spielen. Kurz: Kimmich kann vieles ganz gut. Aber er könnte gegen Turin zur Schwachstelle werden. Und zwar erneut.

Der Abwehrspieler Kimmich verteidigt mit Auge, hat ein gutes Stellungsspiel, ist geschickt im defensiven Zweikampf. In Dortmund hinderte er dank seiner exzellenten Körperbeherrschung Marco Reus in letzter Sekunde am Torschuss, drängte in einer anderen Szene den schnellen Pierre-Emerick Aubameyang im Laufduell ab. Sein Aufbauspiel ist ohnehin sehr gut.

Es gab aber auch eine Szene, die zweifeln lässt, ob Kimmich alle Abwehrtechniken beherrscht. An der Mittellinie stieg er in ein Kopfballduell ohne Timing. Er sprang etwa eine halbe Sekunde zu früh. Das klingt nur nach einer Kleinigkeit. Weltklasseverteidiger landen nicht in dem Moment am Boden, wenn der Ball sie erreicht.