Seltsamerweise konnte Maria Scharapowa trotzdem noch lachen. "Ich weiß, dass viele gedacht haben, dass ich mein Karriereende erkläre", sagte sie zu den Journalisten, für die sie am Montag kurzfristig eine Pressekonferenz in Los Angeles einberufen hatte. "Aber wenn ich irgendwann meinen Rücktritt bekanntgebe, wird es wahrscheinlich nicht in einem Hotel in der Innenstadt von Los Angeles sein mit diesem ziemlich hässlichen Teppich."

Das Hotel in Los Angeles hat noch keine Stellungnahme abgegeben. Für die russische Tennisspielerin ist so viel Humor aber bemerkenswert angesichts der Fakten. Maria Scharapowa gab zu, während der Australian Open im Januar positiv auf ein Medikament namens Meldonium getestet worden zu sein. "Ich habe einen großen Fehler gemacht", sagte sie.

Das kann man wohl sagen. Sie wird sicher gesperrt werden. Auch der gute Ruf der Athletin, die 21 Wochen lang die Nummer eins der Welt war und als bestbezahlte Sportlerin der Welt gilt, ist dahin. 

Scharapowa stellt ihren Dopingfall als Versehen dar. Sie nehme dieses Medikament schon seit 2006, sagte sie. Da es erst seit Anfang Januar 2016 auf der Dopingliste stehe, habe sie es schlicht übersehen. "Ich habe nicht auf die Liste geschaut", sagte sie. Einmal abgesehen davon, dass eine der bekanntesten Sportlerinnen des Planeten ein Team hochbezahlter Experten um sich hat, die sich um solche Dinge kümmern, stellt sich noch eine andere Frage: Warum nimmt eine junge Spitzensportlerin ein Herzmittel? Eines, das überhaupt nur in den baltischen Staaten und Russland zugelassen ist?

Auch dazu sagte Scharapowa etwas und erinnerte an andere Überführte. Offenbar scheinen viele Spitzensportler gesundheitliche Pflegefälle zu sein. Die besten Athleten der Welt, so wollen sie es uns weismachen, sind oft sehr, sehr krank. Bei der Tour de France hatte man manchmal das Gefühl, als führen nur Asthmakranke mit. So viele hatten ein Spray dabei, um besser atmen zu können.

Der Arzt der Familie habe ihr das Medikament einst verschrieben, sagte Scharapowa. "Ich wurde oft krank. Ich hatte Magnesiummangel. Ich hatte ein unregelmäßiges EKG und ich hatte Fälle von Diabetes in der Familie sowie Anzeichen von Diabetes bei mir."

Meldonium wird unter dem Markennamen Mildronat als Herzmedikament vertrieben, in Deutschland ist es nicht zugelassen. Es soll die Durchblutung fördern und als Medikament für Angina Pectoris und Herzerkrankungen geeignet sein. Es geht also um sehr ernsthafte Erkrankungen. "Es ist ausgeschlossen, dass es einem gesunden jungen Sportler verabreicht werden muss", wird ein Kardiologe von der New York Times zitiert. Der Hersteller erklärte, dass Patienten sein Medikament gewöhnlich für vier bis sechs Wochen einnehmen. Nicht zehn Jahre lang.

Studien zeigen, dass das Medikament bei gesunden Menschen leistungssteigernd wirkt. Athleten versprechen sich durch die Einnahme eine verbesserte Durchblutung und damit eine Steigerung der physischen sowie mentalen Belastungsfähigkeit. "Bei Sportlern führt Meldonium zu einer allgemeinen Leistungssteigerung, die Erholungsphase wird verkürzt und die Motivation gesteigert", sagt Professor Mario Thevis von der Deutschen Sporthochschule Köln. Die meisten Meldonium-Studien wurden in Russland durchgeführt. Es konnte nachgewiesen werden, dass Ratten schneller schwammen, wenn sie das Zeug im Körper hatten.

Scharapowa ist nicht die einzige Athletin, die Meldonium genommen hat. Die in Äthiopien geborene schwedische 1.500-Meter-Weltmeisterin Abeba Aregawi wurde in diesem Jahr ebenfalls damit erwischt. Am Montag erklärte die ehemalige russische Eistanz-Europameisterin Ekaterina Bobrowa, positiv darauf getestet worden zu sein. Und es traf den russischen Radsportler Eduard Worganow sowie zwei ukrainische Biathleten.

Meldonium landete dieses Jahr auf der Dopingliste, weil es in einer Studie mit 8.300 Dopingproben in 2,2 Prozent der Fälle nachgewiesen werden konnte. Genauer: 182 Mal. Alles Herzkranke? Wenn das Medikament bei Scharapowa wirklich medizinisch notwendig gewesen wäre, hätte sie auch eine Ausnahmeregel erwirken können, die ihr die Einnahme erlauben. So etwas ist möglich.

Scharapowa habe nichts von der leistungssteigernden Wirkung gewusst, sagte ihr Anwalt nach der Pressekonferenz. Er hofft auf einen Freispruch oder nur eine geringe Strafe. Das gehört zur bemerkenswerten Strategie der Scharapowa'schen Vorwärtsverteidigung. Sie selbst berief die Pressekonferenz ein. Sie gab Doping zu, bevor es ein Verband tun konnte. Offensiver geht es kaum. Quasi das Gegenteil zu Vertuschern wie Lance Armstrong, die länger als ein Jahrzehnt logen und nur etwas zugaben, als alles bekannt war.

Eine Strategie. Ob sie ihr allerdings helfen wird, ist unklar. Der US-Sportartikelhersteller Nike hat den hoch dotierten Sponsoringvertrag mit ihr vorerst auf Eis gelegt. "Wir sind traurig und überrascht über die Neuigkeiten von Maria Scharapowa", teilte der Konzern am Dienstag mit. Man wolle das Ergebnis weiterer Ermittlungen abwarten, bevor über weitere Schritte entschieden werden soll. Von Porsche und dem Schweizer Uhrenhersteller TAG Heuer kamen ähnliche Mitteilungen. Für Sponsoren, die gute Geschäfte mit ihrem Aushängeschild machen, eine bemerkenswert schnelle und deutliche Reaktion.