Lasst ihn doch: Max Kruse © Arne Dedert/dpa

Manchmal reicht eine Apfelsine. Sigmund Haringer wurde 1934 vom deutschen Trainer Otto Nerz während der Fußball-WM in Italien nach Hause geschickt. Er hatte nach dem 5:2-Sieg gegen Belgien eine Apfelsine gegessen. Otto Nerz war auch Arzt und glaubte, zu viele Apfelsinen wären nicht gut für Sportler. Er stritt mit seinem Spieler, der daraufhin die Heimreise antreten musste.

Finstere Zeiten waren das, in jeder Hinsicht, Otto Nerz war Reichstrainer und Nazi. Dieses Land ist 80 Jahre später politisch und was die Akzeptanz von Südfrüchten im Sport angeht ein anderes. Auch der aktuelle Bundestrainer Joachim Löw wirkt so weit weg von 1934, wie man nur sein kann, zum Glück. Und diese Geschichte mit der Apfelsine wird hier nur deshalb erwähnt, weil nun eine ähnliche Lappalie zu einer ähnlich seltsamen Entscheidung führte.

Max Kruse, Stürmer des VfL Wolfsburg, wurde von Löw aus der Nationalmannschaft gestrichen. In einer Pressemitteilung hebt Löw in jedem Satz den Zeigefinger:

"Schon vergangene Woche habe ich Max Kruse klar gesagt, was ich von ihm erwarte, sowohl auf als auch neben dem Platz. Ich möchte Spieler, die sich auf den Fußball und die EM konzentrieren, auch zwischen den Spielen. Der Vorfall am zurückliegenden Wochenende widerspricht meinen Erwartungen. Max hat sich zum wiederholten Male unprofessionell verhalten. Das akzeptiere ich nicht. (...) Wir brauchen Spieler, die fokussiert und konzentriert und sich auch ihrer Vorbildrolle bewusst sind."

Vorfall, unprofessionell, Vorbildrolle. Was hat dieser Max Kruse nur gemacht? Hat er das gemacht, was Fußballer hier und da eben machen? Einen Fan verprügelt? Eine Orgie organisiert? In eine Hotellobby gepinkelt?

Nicht schlau, aber auch nicht verboten

Nein, Max Kruse hat lange Geburtstag gefeiert. In Berlin, was nur diejenigen verteufeln, die noch nie in Wolfsburg waren. Auf dieser Party machte eine mutmaßlich beminirockte blonde Frau Handyfotos von ihm. Deshalb nahm Kruse ihr das Handy weg und löschte die Fotos. Dummerweise war die Frau eine Reporterin der Bild-Zeitung. Die Story war nicht mehr zu verhindern.

Wenig entlastend für Kruse kam hinzu, dass vor einer Woche herausgekommen war, wie er im Herbst nach einem Pokerturnier 75.000 Euro in einem Berliner Taxi liegen ließ. Das ist nicht besonders schlau, aber weder mit den verschusselten Taxitausendern noch mit den gelöschten Bildern hat Kruse gegen ein Gesetz verstoßen oder den sittlichen Frieden dieses Landes gefährdet. Vielleicht hat die Reporterin sogar Kruses Persönlichkeitsrechte verletzt. Wer mag schon, wenn nachts um zwei Bilder von einem gemacht werden? Da sieht nicht einmal Jogi Löw aus wie aus dem Ei gepellt.

Löw ist Kruses Trainer, nicht sein Erziehungsberechtigter

Man muss nicht die Diskussion über Typen im Fußball eröffnen. Dass alle zu weichgespült seien, diese Streber aus den Internaten. Dass Sepp Maier, Toni Schumacher und Stefan Effenberg über solche Angelegenheiten nur gelacht und die nächste Kiste Bier geleert hätten. Fußballer sind heute tatsächlich gesellschaftliche Vorbilder. Ihren Ruhm und ihr Bankkonto müssen sie ein Stück weit auch damit zahlen, sich nicht benehmen zu können wie die Axt im Walde.

Man kann es aber auch übertreiben mit der Empörung. Die Reaktion von Löw ist moralinsauer. Rund um die Profifußballer herrscht eine ausgestellte Tugendhaftigkeit, die fast ins Lächerliche kippt und der eine Ansammlung von 20 jungen Männern nie gerecht werden kann. Löw ist vielleicht Kruses Bundestrainer, aber nicht sein Erziehungsberechtigter. Auf seine sportliche Leistung haben die sogenannten Vorfälle sicher nur marginale Auswirkungen. Momentan wirkt Löw eher wie der Nationaltrainer von Puritanien.

Was ist schlimmer? Geburtstag feiern oder rasen?

Zumal der DFB und Löw eine Doppelmoral an den Tag legen. Kevin Großkreutz warf mit Dönern und pinkelte in eine Hotellobby und durfte trotzdem Weltmeister werden. Marco Reus, der jahrelang ohne Führerschein fuhr und per Strafbefehl mehr als eine halbe Million Euro zahlen musste, bekam von Löw nur einen sanften Tadel. Das könnte daran liegen, dass auch Löw für ein halbes Jahr seinen Führerschein abgeben musste, weil er immer wieder zu schnell gefahren war. Was ist nun schlimmer? Nachts um zwei seinen Geburtstag feiern und dabei eine Bild-Reporterin abwimmeln oder wiederholt mit Bleifuß durch Deutschland rasen?

Es drängt sich eher der Verdacht auf, der Rauswurf Kruses tut nicht ganz so weh, weil der Stürmer zwar privat, aber sportlich nicht in Form ist. Wäre so etwas Thomas Müller passiert – die Entscheidung wäre wohl anders ausgefallen. Und Kruse kam wohl auch nicht zupass, dass er von Löw schon vor der WM 2014 aussortiert worden war. Angeblich, weil er Damenbesuch im Teamhotel empfangen hatte.

Vielleicht ist es aber auch nur die letzte Warnung. Die Suspendierung gilt nur für die Testspiele gegen England und Italien, bis zur EM ist noch Zeit. Das Spiel gegen England findet übrigens in Berlin statt. Für seine Karriere vielleicht ganz gut, wenn Kruse da mal in Wolfsburg bleibt.