Nico Patschinski (r) mit bejubelt seinen Mitspielern Thomas Meggle (l) und Marcel Rath (M) das 1:0 des FC St.Pauli gegen Bayern München. Das Spiel endete 2:1. (Archiv, 6.2. 2002) © Christian Charisius/Reuters

Gestatten, Patsche. Markenzeichen ruhelos, Sternzeichen Achterbahn. Heute auf dem Gipfel des Glücks, morgen auf dem Höhepunkt der Verzweiflung. Als Fußballer ein Paradiesvogel mit eigener Meinung. "Ich renn halt nicht 90 Minuten von rechts nach links, sondern gehe mit meiner Kraft ökonomisch um. Ich bin Stürmer. Ich glaub, ich bin schon relativ viel gelaufen, aber vielleicht bin ich ja falsch gelaufen."

Patsche ist bunter Hund, Zocker, Widerborst, schlampiges Genie, Wandervogel und der George Best Ostberlins: "Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst."

Patsche als Bundesligaprofi, Kreisklassespieler, Weltpokalsiegerbesieger und Lebemann. Warum soll man das Leben nicht in vollen Zügen genießen? Die Hauslatschen können ihn mal. In Patsches Alltag ist nicht viel Platz für Rationalität. Patsche sucht das Glück. Gestern, heute, morgen. Er wird angetrieben von Erinnerungen an große Spiele und Träume, die sich nicht alle erfüllt haben. Von aufrichtigem Pathos und klammer Selbstironie. Von Erlebnissen mit Freunden und Treffen mit Feinden. Von großen Worten wie Liebe oder Hass, weil es das eine nicht ohne das andere geben kann. Patsche hat einiges hinter sich. Im Fußballerleben wie im normalen Leben.

"Ich bin eher der Zeugwarttyp"

Ein Treffen mit Patsche in seiner Wahlheimat Hamburg. Er ist freundlich und aufmerksam und nie um einen Spruch verlegen. Er sieht fit aus, lacht viel: "Ich bin froh, dass ich noch halbwegs gesund bin, ich hab drei tolle Kinder, meine Eltern leben noch." Und er arbeitet als Bestatter: "Ich mache den Job seit Juli 2015 und fühle mich verdammt gut damit. Bin fast traurig, diesen Beruf nicht vorher entdeckt zu haben. Das Leben ist endlich, es macht mir Freude, Menschen mit ein paar Sätzen am Grab zu helfen. Ich hoffe, ihren Verlust etwas leichter machen zu können."

An den Wochenenden schnürt er den Fußballschuh für den SC Empelde bei Hannover: "Der Chef des Vereins war 2015 mein Insolvenzberater. Er hat mir geholfen, nun helfe ich ihm." Bis zur Winterpause war Patsche als Spielertrainer in Hamburg-Schnelsen unterwegs: "Ich wollte sehn, ob ich als Trainer was tauge, da ich immer mit dem Gedanken spekuliert hatte, Trainer zu werden. Nach einem Jahr hab ich gemerkt, ich schaff das nicht, ich bin eher der Kumpel, der Zeugwarttyp. Außerdem hat sich die neue Spielergeneration stark verändert. Wer als Profi den Mund aufmacht, bekommt Ärger. Die Jungs haben heute ein Coach fürs Pullern, die kommen mir alle gleichgeschaltet vor."

Patsche wird 1976 in Ost-Berlin geboren. Sein Vater ist ein erfolgreicher Eishockeyspieler und meldet ihn im Alter von vier Jahren beim Eishockey an. Zwei Jahre später wechselt er zum Fußball und kickt bis 1988 beim BFC Dynamo. Mit Westverwandten hätte er in der DDR keine Perspektive als Fußballer gehabt, doch zum Glück kommt 1989 die Wende. Ein Jahr vorher landet er beim 1. FC Union, der ihm bis 1997 Heimat ist. 1994 feiert er sein Debüt in der ersten Mannschaft. Besonders gern denkt er an seinen einstigen Trainer Hans Meyer. Als der ihn einmal in der 87. Minute gegen Bischofswerda einwechselte, gab er ihm folgende Worte mit auf den Weg: "Herr Patschinski, ich erwarte von Ihnen einen Hattrick." Er antwortete: "Das geht ja noch, ich dachte, Sie wollen mehr von mir."

Fast polnischer Nationalspieler

Nachdem Union 1997 in finanzielle Schräglage gerät, wechselt er mit dem damaligen Union-Trainer Karsten Heine nach Babelsberg: "Ich war vom Herzen damals schon Unioner. Dann hieß es aber, wir sind insolvent, morgen reichen wir den Antrag ein." In Babelsberg kam er nie richtig an. Zum einen weil die Babelsberger keine Berliner mochten. "Das Dorfpublikum war nichts für mich." Zum anderen weil "der damalige Sponsor sich kurz nach meiner Ankunft im Bett erschoss". Also wieder Koffer packen und weiter.

Nach Dresden. Dort gefällt es ihm für ein Jahr ganz gut. Beim Spiel gegen Babelsberg zeigt er dem Publikum via Stinkefinger, was er von ihm hält. Als ein Jahr später Fürth anklopft, kommt Patsche mit 22 in der zweiten Bundesliga an: "Erster Spieltag 2. Bundesliga auf St. Pauli, ich sah direkt gelb-rot." Ja, in Fürth läuft es nicht. Ein Jahr später ist er St. Paulianer und erlebte die drei goldenen Jahre seiner Karriere samt Aufstieg in die 1. Bundesliga und ein Tor gegen Oli Kahn.

Als St. Pauli 2003 bis in die dritte Liga durchgereicht wird, geht Patsche für ein paar Jährchen nach Trier und später zur LR Ahlen. Als ein gewitzter Journalist seine polnische Oma ausgräbt, wäre er im zarten Alter von 30 Jahren fast polnischer Nationalspieler geworden. Obwohl Patsche schon alle Papierchen klar gemacht hat, wird es nichts mit dem Traum von Nationalspieler, weil es sich Polen anders überlegt. Und zur Strafe in der Vorrunde der WM 2006 ausscheidet.