Gestatten, Patsche. Markenzeichen ruhelos, Sternzeichen Achterbahn. Heute auf dem Gipfel des Glücks, morgen auf dem Höhepunkt der Verzweiflung. Als Fußballer ein Paradiesvogel mit eigener Meinung. "Ich renn halt nicht 90 Minuten von rechts nach links, sondern gehe mit meiner Kraft ökonomisch um. Ich bin Stürmer. Ich glaub, ich bin schon relativ viel gelaufen, aber vielleicht bin ich ja falsch gelaufen."

Patsche ist bunter Hund, Zocker, Widerborst, schlampiges Genie, Wandervogel und der George Best Ostberlins: "Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst."

Patsche als Bundesligaprofi, Kreisklassespieler, Weltpokalsiegerbesieger und Lebemann. Warum soll man das Leben nicht in vollen Zügen genießen? Die Hauslatschen können ihn mal. In Patsches Alltag ist nicht viel Platz für Rationalität. Patsche sucht das Glück. Gestern, heute, morgen. Er wird angetrieben von Erinnerungen an große Spiele und Träume, die sich nicht alle erfüllt haben. Von aufrichtigem Pathos und klammer Selbstironie. Von Erlebnissen mit Freunden und Treffen mit Feinden. Von großen Worten wie Liebe oder Hass, weil es das eine nicht ohne das andere geben kann. Patsche hat einiges hinter sich. Im Fußballerleben wie im normalen Leben.

"Ich bin eher der Zeugwarttyp"

Ein Treffen mit Patsche in seiner Wahlheimat Hamburg. Er ist freundlich und aufmerksam und nie um einen Spruch verlegen. Er sieht fit aus, lacht viel: "Ich bin froh, dass ich noch halbwegs gesund bin, ich hab drei tolle Kinder, meine Eltern leben noch." Und er arbeitet als Bestatter: "Ich mache den Job seit Juli 2015 und fühle mich verdammt gut damit. Bin fast traurig, diesen Beruf nicht vorher entdeckt zu haben. Das Leben ist endlich, es macht mir Freude, Menschen mit ein paar Sätzen am Grab zu helfen. Ich hoffe, ihren Verlust etwas leichter machen zu können."

An den Wochenenden schnürt er den Fußballschuh für den SC Empelde bei Hannover: "Der Chef des Vereins war 2015 mein Insolvenzberater. Er hat mir geholfen, nun helfe ich ihm." Bis zur Winterpause war Patsche als Spielertrainer in Hamburg-Schnelsen unterwegs: "Ich wollte sehn, ob ich als Trainer was tauge, da ich immer mit dem Gedanken spekuliert hatte, Trainer zu werden. Nach einem Jahr hab ich gemerkt, ich schaff das nicht, ich bin eher der Kumpel, der Zeugwarttyp. Außerdem hat sich die neue Spielergeneration stark verändert. Wer als Profi den Mund aufmacht, bekommt Ärger. Die Jungs haben heute ein Coach fürs Pullern, die kommen mir alle gleichgeschaltet vor."

Patsche wird 1976 in Ost-Berlin geboren. Sein Vater ist ein erfolgreicher Eishockeyspieler und meldet ihn im Alter von vier Jahren beim Eishockey an. Zwei Jahre später wechselt er zum Fußball und kickt bis 1988 beim BFC Dynamo. Mit Westverwandten hätte er in der DDR keine Perspektive als Fußballer gehabt, doch zum Glück kommt 1989 die Wende. Ein Jahr vorher landet er beim 1. FC Union, der ihm bis 1997 Heimat ist. 1994 feiert er sein Debüt in der ersten Mannschaft. Besonders gern denkt er an seinen einstigen Trainer Hans Meyer. Als der ihn einmal in der 87. Minute gegen Bischofswerda einwechselte, gab er ihm folgende Worte mit auf den Weg: "Herr Patschinski, ich erwarte von Ihnen einen Hattrick." Er antwortete: "Das geht ja noch, ich dachte, Sie wollen mehr von mir."

Fast polnischer Nationalspieler

Nachdem Union 1997 in finanzielle Schräglage gerät, wechselt er mit dem damaligen Union-Trainer Karsten Heine nach Babelsberg: "Ich war vom Herzen damals schon Unioner. Dann hieß es aber, wir sind insolvent, morgen reichen wir den Antrag ein." In Babelsberg kam er nie richtig an. Zum einen weil die Babelsberger keine Berliner mochten. "Das Dorfpublikum war nichts für mich." Zum anderen weil "der damalige Sponsor sich kurz nach meiner Ankunft im Bett erschoss". Also wieder Koffer packen und weiter.

Nach Dresden. Dort gefällt es ihm für ein Jahr ganz gut. Beim Spiel gegen Babelsberg zeigt er dem Publikum via Stinkefinger, was er von ihm hält. Als ein Jahr später Fürth anklopft, kommt Patsche mit 22 in der zweiten Bundesliga an: "Erster Spieltag 2. Bundesliga auf St. Pauli, ich sah direkt gelb-rot." Ja, in Fürth läuft es nicht. Ein Jahr später ist er St. Paulianer und erlebte die drei goldenen Jahre seiner Karriere samt Aufstieg in die 1. Bundesliga und ein Tor gegen Oli Kahn.

Als St. Pauli 2003 bis in die dritte Liga durchgereicht wird, geht Patsche für ein paar Jährchen nach Trier und später zur LR Ahlen. Als ein gewitzter Journalist seine polnische Oma ausgräbt, wäre er im zarten Alter von 30 Jahren fast polnischer Nationalspieler geworden. Obwohl Patsche schon alle Papierchen klar gemacht hat, wird es nichts mit dem Traum von Nationalspieler, weil es sich Polen anders überlegt. Und zur Strafe in der Vorrunde der WM 2006 ausscheidet.

Altersversorgung kann mich mal!

Patsche war auf St. Pauli, bei Union Berlin und beim BFC Dynamo jeweils eine Weile Publikumsliebling. Auch weil er kein Blatt vor den Mund nahm: "Was ich mit meiner Kohle mache ist mein Ding. Ob ich mir damit den Arsch abwische, es verspiele oder verbrenne. Es ist ja nur Geld." 2002 schoss er für St. Pauli das legendäre 2:0 gegen Bayern München und avancierte zum Weltpokalsiegerbesieger. St. Pauli liebte ihn und er liebte St. Pauli. Fünf Jahre später wurde er zum Weltpokalsiegerbesiegerbesieger. Wieder beim 1. FC Union Berlin unter Vertrag, sicherte er Union den Klassenerhalt mit einem Tor gegen St. Pauli, das zum "Tor der Woche" gewählt wurde.

Doch die Abschiede von seinen Vereinen waren selten rosig. Oft blieb massig zerbrochenes Geschirr übrig. Für einige Fans ist er für immer Fußballgott. Für andere ein Zocker, der ihrem Club die lange Nase zeigte. Patsche ist ein Spieler, er hat eine Menge Geld einfach verjubelt. Zurückgelegt hat er keinen Cent, Altersversorgung kann mich mal!

"Ich habe nur ein bisschen Karten gespielt und gewettet"

Schon auf St. Pauli ließ er sich wegen vermeintlicher Spielsucht untersuchen: "Der Doc meinte, es gäbe keine Anzeichen für schlimme Spielsucht. Ich habe es nicht als Krankheit verstanden, weil es das nicht gewesen ist." Er polarisierte wie kaum ein Profi. Warum sollte er nicht weiter so leben, wir er es wollte? Nach seinem Empfinden hatte er alles im Griff. "Unions Sportdirektor Christian Beeck meinte 2007, ich sei spielsüchtig und krank, brächte meine Leistung nicht. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt schon in allen Spielbanken sperren lassen, da ich zu viel verloren hatte, ich war damals nicht spielsüchtig und bin es auch heute nicht. Ich hab nur ein bisschen Karten gespielt und gewettet."

In der Winterpause 2008 nahm Patsche als Unionspieler an einem Benefizpokerturnier für die Jugendabteilung des BFC Dynamo teil. Bekanntermaßen der schlimmste Feind aller Unioner. Bei Union reichten die Worte Pokern und BFC Dynamo: "Hinterher hieß es, ich hätte wilde Party gemacht, einen Union-Schal verbrannt, Anti-Union-Parolen gerufen, alles Lügenmärchen. Ich war mit meinem Sohn dort und 19 Uhr wieder daheim." Dann das erste Training bei Union: "Kam der Präsi Zingler. Mensch, beim BFC zum Pokerturnier, du bekommst 'ne Abmahnung und 5.000 Euro Strafe!"

Patsche schaute ihn irritiert an. "Ne, seh' ich nicht ein. Ich hab nix Schlimmes gemacht, der Jugend nur gespendet, war für'n Scheiß, vom BFC komme ich nun mal her. Es kam zum Prozess, ich hab ihn gewonnen. Doch das Zockerimage blieb an mir hängen. Der Vertrag bei Union ging noch ein Jahr. Trotzdem folgte die Vertragsauflösung, da Union mich in die 2. Mannschaft stecken wollte. Ab Juli 2009 spielte ich für BFC. Basta! Die Liebe hielt ein Jahr. Finanziell nicht doll. Doch ich brauchte Geld, hatte in Wandlitz eine Hausfinanzierung an der Backe, dort bin ich noch zu Union-Zeiten mit meiner Frau eingezogen. Auch mein Auto war noch nicht abbezahlt. Um das Debakel zu verstärken, kam im Winter 2009 die Trennung von meiner Frau, die ich mit einem anderen Kerl erwischt hatte. Bis zum Winter hatte ich beim BFC zehn Tore gemacht, wir standen auf einem Aufstiegsplatz, danach ging bei mir wegen der schmerzlichen Trennung von meiner Frau nichts mehr. Mein Leben war am Ende, ich sah keinen Sinn mehr."

Nach der Saison startete er einen privaten und sportlichen Neuanfang in Trier, kickte bei verschiedenen Amateurteams und bekam wieder Boden unter die Füße. Das Geld war zwar weg, doch spätestens als er seine neue Frau kennenlernte, war das Leben wieder schön. Patsche, ein Schlitzohr, ein Spieler, eine universelle Gestalt: "Union so wie es früher war, hab ich im Herzen. Unvergesslich, Mitte der Neunziger vor 400 Zuschauern gegen Hansa Amateure, das war noch Fußball, das war geil. Regen, kein Dach übern Kopf, kalt, aber geil. Es kamen nur die, die wirklich mussten, weil Union ihr Ein und Alles war. Jetzt ist Union Event, ein Verein wie jeder andere. Neues Stadion, sie müssen Geld machen, versteh ich ooch. BFC oder Union? Wenn ich in Berlin bin, gehe ich zu gar keinem der beiden Vereine. Mein Vater hat damals uff Union gestanden, weil es ein Arbeiterverein war. Heute gibt’s keene Arbeiter mehr."