Seien wir ehrlich: Sollte Bayern am Mittwoch gegen Juventus Turin im Achtelfinale der Champions League ausscheiden, muss Pep Guardiolas Amtszeit als gescheitert gelten. Gescheitert gemäß den Ansprüchen, die ein Trainer seiner Güte gerechterweise an sich selbst stellt. Vor allem auch gemessen an der Qualität des Kaders in München. Drei lange Jahre, ohne mit dieser Mannschaft auch nur einmal im Finale gestanden zu haben? Das wäre nicht toptoptop. Das wäre klar zu wenig.

Pep weiß das. Deswegen hasst er solche Spiele so sehr. Wie er alles hasst, was ihn angreifbar macht. Wie er alles hasst, was nach Kontrollverlust riecht. Genau diese Angst bildet den Kern seiner Person, den Kern seines Schaffens, ja den Kern seiner gesamten Spielanschauung. Sein Meister-Biograf Martí Perarnau (Herr Guardiola) beschreibt den Spieler so:

"Er fürchtet sich vor Angriffen. Diese Eigenschaft begleitet ihn durch seine gesamte fußballerische Karriere. Ausgestattet mit einer eher zarten Konstitution war Pep für die Kontrolle einer riesigen Spielfeldzone zuständig, und zwar allein. Wenn sie mit ihm fertig wurden, wenn sie ihn überwanden, brach Barças Spielstruktur zusammen. Pep wuchs mit dieser Angst im Leib auf und setzte von Anfang an auf Kühnheit als Gegenmittel."

Eine tiefe Einsicht. Sie wirkt als öffnender Schüssel, wenn es zunächst darum geht, Guardiolas taktische Fixierungen als Trainer zu analysieren. Denn wie würde ein Coach, der nichts mehr fürchtet als den Kontrollverlust auf freiem Felde, sein Spiel wohl im Idealfall gestalten? Worauf würde er setzen? Zunächst auf maximalen Ballbesitz. Darauf, den Rhythmus des Spiels möglichst geringen Schwankungen auszusetzen. Auf kurze, kontrollierte und damit ballverlustminimierende Pässe. Darauf, dass jeder seiner Spieler zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort des Felds mindestens zwei sichere Kurzpassoptionen besitzt (was in der Mitte des Feldes leichter zu erreichen ist als auf den Außen). Darauf, dass die risikovolleren Pässe möglichst spät und möglichst weit in der gegnerischen Hälfte erfolgen. Darauf, dass in dem Moment, in dem der Ballverlust eintritt, dieselbe Struktur, die zuvor zwei Passoptionen öffnete, zu einer Pressingstruktur wird, die den Gegner zum weit geschlagenen Risikopass zwingt, den man selbst nie freiwillig schlagen würde. Also darauf, das Spiel konstant mindestens 40 Meter vom eigenen Tor fernzuhalten.

Noch wichtiger als die Frage, wer den Ball hat, ist für einen taktischen Angstmann die Frage, wo jemand den Ball hat. Guardiolas Mannschaften stehen also nicht etwa deshalb so hoch, weil sie damit dem gegnerischen Tor näher wären, sondern weil sie so dem eigenen ferner sind.

Die konkreten Feldeffekte dieser Pep'schen Angst sind uns in Deutschland seit drei Jahren mindestens einmal pro Woche anschaulich. Es ist zwar nicht immer sehr interessant, aber fast immer sehr effektiv. Tatsächlich gab es während Guardiolas Schaffenszeit bei Bayern nur zwei signifikante Ausnahmen von diesem Muster. Etwa im Rückspiel gegen Real Madrid im ersten Trainerjahr. (Das ging bekanntlich denkbar tief in die Hose. Und es ist kein Detail, dass Guardiola seinen Biografen Perarnau mitteilen ließ, er sei damals von führenden Spielern der Mannschaft – Schweinsteiger, Müller, Mandžukić – zu einer Abkehr von seinen Prinzipien genötigt worden.) Oder beim Spiel in Dortmund vergangene Saison, damals funktionierte eine atypische Einigelungstaktik in der eigenen Hälfte und Bayern gewann 1:0, stark verletzungsgeschwächt. Gegen Juve ist indes keine derartige Abweichung zu erwarten, das wird Schema Pep. Ob Bayern ins Viertelfinale einzieht, lässt sich allerdings nicht verlässlich voraussagen. Schließlich reden wir hier von Fußball.