Eine Osterschlacht war versprochen, und am Ostersonntag hat sie tatsächlich stattgefunden. Die 13. und vorletzte Runde des Kandidatenturniers in Moskau zur Bestimmung des Herausforderers des Schachweltmeisters übertrifft die vergangenen Tage bei weitem an Länge und Spannung.

Um Punkt drei Uhr am Nachmittag beginnen die Partien im ehemaligen Telegrafenamt an der Twerskaja Uliza unweit vom Kreml, und der letzte Großmeister, der Amerikaner Fabiano Caruana, wird abends um elf noch im Hause sein.

Mit roten Köpfen wanken er und sein Gegner Pjotr Swidler nach siebeneinhalbstündigem Kampf aus dem Turniersaal, dann gilt es noch die öffentliche Partieanalyse im Fernsehstudio zu absolvieren, die Fragen der wacker ausharrenden Journalisten in mehreren Sprachen zu beantworten und fürs Publikum zwei Dutzend Plakate und Postkarten zu signieren.

König in Opposition

Ihr Duell hat nur ein Remis hervorgebracht, aber was für eins! Spanische Eröffnung, schwerblütiges Lavieren bei vollem Brett, nach dreieinhalb Stunden Explosion im Mittelspiel mit kaum zu überblickenden Konsequenzen, und dann ist noch lange nicht Schluss.

In der letzten Phase versucht Caruana, ein theoretisch unentschiedenes Endspiel in einen Sieg zu verwandeln. Ein Turm und ein Läufer sind ihm geblieben, nur ein Turm seinem Gegner. Bei bestem Spiel beider Seiten ergibt das nichts – aber während der materiell stärkeren Seite bei den Gewinnversuchen keine Gefahr droht, muss die schwächere höllisch aufpassen, nicht doch noch mattgesetzt zu werden. Am Ende eines langen Tages eine Frage der Kondition und Konzentration. 

Caruana gelingt es, seinen König auf der dritten Reihe in Opposition zu bringen, das heißt, sein König steht dem am Brettrand eingeklemmten gegnerischen König unmittelbar gegenüber – eine Vorbedingung für die Mattführung. Bloß, wie geht es dann noch mal weiter? "Ich habe das schon so oft gesehen", sagt Caruana hinterher, "aber dann ist der Moment da, und ich habe alles vergessen."

Seinem Gegner Swidler erging es nicht besser: "Ich habe irgendwann während der Partie aufgehört, darüber nachzudenken, was Fabiano wohl machen könnte", sagt er. "Ich habe meinen Stuhl zurückgeschoben, die Augen geschlossen und nur noch auf seine Züge gewartet."

Wer fordert Magnus Carlsen heraus?

Das ist auch Schach: Wenn eine Partie einfach kein Ende nehmen will und immer weitergeht, immer immer weiter. 116 Züge bis zum Friedensschluss.
Caruana hätte Swidler nicht so zugesetzt, wenn es für ihn in dieser 13. Runde nicht erstmals um den Turniersieg gegangen wäre. Bisher hat er zwei Partien gewonnen und zehn remisiert, macht 7 Punkte. Mit einem Sieg wäre er seinem punktgleichen Konkurrenten Karjakin enteilt. Karjakin spielt aber auch remis, und so gehen beide mit 7,5 aus 13 in die Schlussrunde.

Misslich für Caruana ist: Er hat am Ostermontag Schwarz gegen Karjakin und hat die schlechtere Feinwertung. Wenn es Karjakin gelingt, mit dem Anzugsvorteil der weißen Steine ein Remis abzuklammern, gewinnt er das Turnier trotz gleicher Punktzahl und wird der Herausforderer von Magnus Carlsen im November.

Karjakins Partie ist die zweitlängste am Sonntag, sie währt sechseinhalb Stunden, 101 Züge. Er spielt mit Schwarz gegen Lewon Aronian. Nach ruhigem Beginn in der Englischen Eröffnung plötzlich unglaubliche Verwicklungen in Zeitnot – Karjakin in Bedrängnis; er verliert eine Figur, bekommt dafür einen Bauern auf der zweiten Reihe, der sich in eine Dame zu verwandeln droht. Während ein Teil der Zuschauer Karjakin ob des Materialnachteils schon verloren glaubt, hat er sich längst mit seinem König hinter den eigenen Bauern verschanzt und eine Festung errichtet, die Aronian nicht knacken kann, weil er immer auf den vorgerückten Bauern achten muss, den er ohne einen eigenen Verlust an anderer Stelle nicht beseitigen kann. Einige Versuche unternimmt er, sie werden allesamt pariert.

Sergej Karjakin ist, das beweist er in diesem Turnier einmal mehr, ein grandioser Verteidigungskünstler. Ein Herausforderer des Weltmeisters muss allerdings auch effektvoll angreifen; daran mangelt es zuweilen. Caruana hat in diesem Turnier bislang keine Partie verloren, anders als Karjakin, und er spielt wagemutiger. In Tornähe fehlt es ihm zu oft an Treffsicherheit; das wäre sein Manko.

Ob er, gewissermaßen auf Bestellung, mit Schwarz Karjakin abräumen kann? Das ist die große Frage, die am Montag beantwortet wird.

In die Entscheidung eingreifen könnte auf unerwartete Weise auch noch der Inder Anand. Gewinnt er am Montag, wären – bei einem Remis zwischen Karjakin und Caruana – alle drei Spieler gleichauf. Dann hätte Caruana die beste Feinwertung und somit das Turnier gewonnen.

Stand vor der letzten Runde

1. – 2. Caruana, Karjakin   7,5 Punkte

3.  Anand  7,0 Punkte


4. – 7.  Giri, Swidler, Aronian, Nakamura 6,5 Punkte

8.  Topalow 4,0 Punkte