Wesselin Topalow gegen Fabiano Caruana: Wer bedrängt jetzt wen? © WorldChess

Der Weltmeister kann alles. Kühne Kombinationen, tiefe Pläne, kleine Tricks und natürlich Turmendspiele. Universell nennt man das. Weltmeister Kramnik war ein universeller Spieler, Weltmeister Carlsen ist einer. Und wer Carlsen im November in New York bezwingen will, muss auch einer sein, sonst wird das nämlich nichts.

Vielleicht kann man die elfte Runde des Moskauer Kandidatenturniers zur Bestimmung des Herausforderers unter diesem Aspekt verstehen: Der US-Amerikaner Fabiano Caruana hatte in der zehnten Runde gezeigt, dass er Eröffnung kann, indem er einen der größten Eröffnungsexperten aus der Eröffnung heraus niederrang, Ex-Weltmeister Viswanathan Anand. Nun, am Tag darauf, will er zeigen, dass er auch Taktik kann – gegen einen der gefährlichsten Taktiker des Planeten, den Bulgaren Wesselin Topalow.

Es klappt. Das heißt, es klappt fast. Oder auch eigentlich nicht. Schwer zu sagen ist das während der Partie, auf die sich am Donnerstagnachmittag im früheren Moskauer Telegrafenamt alle Blicke richten.

Englisch fängt Topalow die Partie an, mit dem Zug des Damenläuferbauern. Caruana hat Schwarz und zielstrebig steuert er eine Variante an, die so wild ist, wie man das sonst nur aus dem Königsgambit kennt, jenem romantischen Vorpreschen, mit dem sich die Spieler im 19. Jahrhundert in den Kaffeehäusern die Zeit vertrieben haben. Schon im achten Zug droht Caruana mit einem tödlichen Einschlag in Topalows königlichen Salon. Im neunten Zug droht er einen weißen Springer zu schlagen, im zehnten Zug schlägt er ihn aber nicht und bietet dem Springer stattdessen seinen Turm zum Fraß an, im elften Zug nimmt er doch den Springer, um im nächsten Zug selbst einen zu verlieren. Im 13. Zug rast er mit seiner Dame schräg übers Brett und schlägt den weißen Turm aus der unrochierten weißen Königsstellung, im 14. Zug verliert er seinen zweiten Springer.

Weltweit halten die Schachfreunde vor der Liveübertragung den Atem an und besonders gilt das fürs Publikum in Moskau, das im Saal der Ahnungslosen sitzt: Denn wer die Kampfpartie aus fünf Metern Entfernung verfolgen will, muss alle Elektronik draußen im Schließfach lassen und kann nur dem eigenen Verstand vertrauen. Was zur Hölle geht hier vor?

Als der Tumult auf dem Brett sich beruhigt, verfügt Caruana über einen spürbaren Materialvorteil. Hat er, hakenschlagend, den Taktikhasen Topalow abgehängt? Man möchte und will es glauben, weil das Turnier auf der Zielgeraden angekommen ist und mit jeder Runde mehr nach einem Sieger verlangt. Caruana hat die Aura, die man braucht, und nun scheint es auf ihn zuzulaufen.

Topalow ist ein schmächtiger, leicht ausgemergelter Typ, schon etwas älter, und wenn er sich an den Kopf fasst, um die Gedanken zusammenzuhalten, sieht es immer so aus, als ob er in Bedrängnis wäre, was angesichts seines letzten Tabellenplatzes auch sehr glaubhaft erscheint.