Fabiano Caruana kann sich einen wichtigen Punkt gutschreiben. © Fide

An der Twerskaja Uliza, jener lauten Hauptverkehrsstraße hinter dem Kreml, hängt Werbung für noch lautere Musik. Im Juli kommen Black Sabbath in die Stadt, im Juni Iron Maiden, und im Mai kommt – gewissermaßen als Vorgruppe – der unverwüstliche Elton John, der sich den Russen so verbunden fühlt, dass er seinen Namen sogar in kyrillischen Lettern auf die Plakate drucken lässt. Moskau freut sich auf die alten Kracher. Je lauter, je lieber.

An der Twerskaja Uliza liegt auch das ehemalige Telegrafenamt, in dessen fünfter Etage alle Akteure und Gäste um äußerste Ruhe bemüht sind. Hinter hohen Fenstern, alten Backsteinmauern und rohem Beton wird noch bis Ostern das Kandidatenturnier zur Schach-WM ausgetragen, in dem acht der weltbesten Schachspieler still um den Sieg kämpfen, um das kostbare Recht, Weltmeister Magnus Carlsen zum Zweikampf herauszufordern.

Vierzehn Runden sind insgesamt zu spielen. Vor der zehnten Runde am Mittwoch hatten sich vier Spieler abgesetzt. Sie konkurrieren jetzt um den ersten Platz. Es sind der Lokalmatador Sergej Karjakin und der indische Ex-Weltmeister Viswanathan Anand, knapp gefolgt von dem Armenier Levon Aronian und dem Amerikaner Fabiano Caruana. Wer von ihnen wird in Führung gehen, wem wird jetzt ein Überholmanöver gelingen?

Ein in der Nacht ersonnener Damenzug

Caruana, 23, spielt gegen Anand, 46. So sehr der Altersunterschied sie trennt, so sehr eint sie ihre Theoriekenntnis. Unter allen Meistern zählen sie zu denen, die am besten vorbereitet ans Brett kommen. Sie suchen die Konfrontation schon in der Eröffnung, wohingegen der amtierende Weltmeister gern erst einmal vorglüht und ganz harmlos beginnt. Magnus Carlsen hat es mit dem Gewinnen nicht eilig. Er ist physisch und mental so stark, dass er sich Zeit lassen kann.

Caruana beginnt mit dem Doppelschritt des Damenläuferbauern – die Englische Eröffnung. Sie ist unter den Großmeistern derzeit so populär, dass sie in dieser Runde gleich auf drei Brettern zu sehen ist. Erst nach sechs Zügen trennen sich die Wege.

Anand wählt einen frühen Bauernvorstoß im Zentrum, Caruana hält sich zunächst an eine bekannte Variante. Aber dann, im zwölften Zug, bringt er eine Neuerung, einen an dieser Stelle noch unerprobten Damenzug. Der sei ihm nicht spontan eingefallen, erzählt er später lächelnd, den habe sein usbekischer Sekundant Rustam Kasimdschanow in der Nacht zuvor gefunden.

Das hatte Anand nicht erwartet

Der Meister ruht, der Sekundant ackert, so sieht die ideale Arbeitsteilung aus, und zum Frühstück gibt es dann frisch geerntete Erkenntnisse. Jetzt muss man nur noch das Glück haben, diese Variante aufs Brett zu bekommen.

Anand vertraute auf seine Zugfolge. Er hatte sie schon in der zweiten Runde gegen Aronian gespielt, der ihm daraufhin mit einem Läuferzug zusetzen wollte – ohne Erfolg. Die Partie endete unentschieden.

Nun versucht es Caruana mit dem Damenzug. Anand stutzt. Das hatte er nicht erwartet. Plötzlich ist er aus seiner Vorbereitung geworfen. Nun heißt es, auf Sicht zu fahren, sich von Zug zu Zug ins Unbekannte vortasten. Das kostet Zeit und Nerven.