Rund um die Uhr werden unzählige Partien gespielt, jeden Tag, im Internet und auf allen Kontinenten, weshalb man sagen könnte: Es gibt international keinen Mangel an Schach. Und doch ist da immer dieses Sehnen nach dem Besonderen, dem Außerordentlichen, dem Kampf aller Kämpfe – der Weltmeisterschaft. Diese Woche rückt sie ein ganzes Stück näher.

Am Freitag beginnt in Moskau das Kandidatenturnier. Im Zentralen Telegrafenamt treten acht der weltbesten Schachspieler drei Wochen lang gegeneinander an. Jeder spielt gegen jeden zwei Partien, eine mit Weiß, eine mit Schwarz, und nur der Beste wird am Ende das Recht haben, im November den Norweger Magnus Carlsen herauszufordern.

So sehr sich die Schachfans nach der Osterschlacht sehnen, am liebsten wüssten sie schon jetzt, wer das Rennen macht. Naturgemäß lässt sich die Frage nicht beantworten, aber der Versuch gibt vielleicht ein wenig Aufschluss über das zu Erwartende. Wenn es dann anders kommt: umso besser.

Mit dem letzten Herausforderer Carlsens hatte zum Beispiel niemand gerechnet, vielleicht nicht einmal der Herausforderer selbst: Der Langzeitweltmeister Viswanathan Anand, als Verlierer des WM-Kampfes für das Feld der letzten Acht qualifiziert, dominierte das Turnier 2014 im sibirischen Khanty-Mansisk. Überragend die Eröffnungsvorbereitung des Inders, seine Spielerfahrung sowieso und vor allem seine Tagesform. Vishy wischte die Konkurrenz weg. Er hatte schon eine Runde vor Schluss gewonnen.

Nicht auszuschließen, dass es ihm wieder gelingen könnte. Aber natürlich ist es noch unwahrscheinlicher als beim vergangenen Mal, denn jeder seiner Gegner wird nun doppelt auf der Hut sein. Zudem fällt das Alter von Jahr zu Jahr mehr ins Gewicht. Anand ist für einen Spitzensportler sagenhafte 46 Jahre alt, der Niederländer Anish Giri – mit 21 der Jüngste im Feld – ist nicht einmal halb so alt wie er. Und wenn das Wünschen auch noch etwas ausrichten darf: Kein Schachreporter wünscht sich einen dritten Kampf Carlsen gegen Anand, weil man alles, was man zu den beiden schreiben könnte, doch schon geschrieben hat

Aber wer dann? Der Jungstar Anish Giri? Er hat als einer der wenigen Topleute bisher nicht eine langsame Partie gegen Carlsen verloren. Zwölf Unentschieden, ein Sieg – das kann sich sehen lassen. Allerdings spielt Giri auch sonst sehr oft remis. Er müsste mal mehr gewinnen. Wenn er in diesem Turnier nicht eine für ihn ganz untypische Siegesserie hat, stehen seine Chancen nicht gut.

Aus Russland geht ein Riese an den Start: Der siebenfache russische Meister Peter Swidler, 39, der mit seiner Liebenswürdigkeit die Herzen des internationalen Publikums erobert hat. Wenn er Weltereignisse auf Englisch kommentiert, hängen Hunderttausende an seinen Lippen. Er ist eloquent und freundlich, und wenn wir Sergej Schipow, den besten Schachkommentator russischer Sprache, richtig verstehen, wird Swidler deshalb die Hürde nach ganz oben auch nicht nehmen: Er müsste – salopp gesagt – weniger quatschen und mehr kneten.

Sein Landsmann Sergej Karjakin erfüllt diese Bedingung. Der 26-Jährige hat schon Turniere gewonnen, an denen Carlsen teilnahm, was kaum jemandem gelingt. Allerdings spielt die Form bei ihm eine große Rolle. Sollte sie gut sein – er hätte Chancen, das findet auch Schipow, der sich im internationalen Schachmagazin New In Chess seitenlang darüber ausgelassen hat

Schwer zu beurteilen sind die Aussichten des kombinationsstarken Bulgaren Wesselin Topalow. Im Vorhinein dachte der Vierzigjährige laut darüber nach, ob er überhaupt antreten sollte. Das kostete ihn beim Publikum natürlich Sympathien. Oder wollte er seine Gegner bloß einlullen? Das gibt auch keine Punkte, denn billige Psychotricks sind im Spitzenschach ganz aus der Mode. Carlsen hat den Siegeswillen und die physische Kraft als neue Standards etabliert, da ist man mit "ich weiß nicht" und "mal sehen" eine eher traurige Gestalt.

Topalow hatte im Frühjahr 2010 seine Chance, als er in Sofia Anand herausforderte. Am Ende fehlten ihm die Nerven – in der letzten Partie brach er alle Brücken hinter sich ab und wurde aufs Böseste ausgekontert. Eine furchtbare Niederlage, die ihn jahrelang schmerzen sollte.