Der Schach-Manager Ilya Merenzon © WorldChess

Gewöhnliche Schachspieler interessieren sich nicht sonderlich für die Bedingungen, unter denen sie spielen. Tisch, Brett, Uhr und los geht’s. Sie spielen ja nicht zuletzt deshalb, um für die Dauer einer Partie den Rest der Welt zu vergessen.

Bei Spitzenspielern ist das anders. Wenn sie ziehen, schaut der Rest der Welt zu. Die Liveübertragung im Internet hat den Denksport in den vergangenen Jahren so sehr verändert wie zuvor nur die Erfindung des Schachcomputers. Man weiß plötzlich, wie die Meister aussehen und kann jeden ihrer Geistesblitze in Echtzeit auf dem Smartphone miterleben. Die öffentliche Wahrnehmung ist immens gewachsen. Da es um ein Publikum geht, das nach Millionen zählt, stellt sich mehr und mehr auch die Frage, wer für die Informationen zahlt.

Nun fällt die Übermittlung von Schachzügen nicht unter das Urheberrecht. Schachzüge gelten als Sportergebnisse wie Tore im Fußball. Was im Stadion gerade geschieht, darf von jedem Zuschauer weitergegeben werden, auch als Tweet oder in einem Blog. Für bewegte Bilder gilt etwas anderes. Jeder Fernsehzuschauer weiß das aus leidvoller Erfahrung.

Zuletzt hatte es bei der Schach-WM 2010 in Sofia den Versuch gegeben, den Schachmedien Rechte zu verkaufen oder ihnen das Streaming der Partien zu untersagen. Die Hamburger Firma Chessbase, welche die wichtigste deutsche Schachwebseite betreibt, ignorierte das Verbot, weil sie es für rechtswidrig hielt. Sie wurde verklagt und gewann den Prozess.

Seit Anfang März 2016, kurz vor dem Beginn des Moskauer Kandidatenturniers, haben Anwälte nun wieder zu tun, diesmal gleich in mehreren Ländern. Denn die Eventfirma Agon, die vom Weltschachverband Fide mit der Ausrichtung beauftragt ist, beansprucht die kommerzielle Nutzung des Turniers allein für sich.

Agon hat sich allerlei Kniffe überlegt, um das nicht existierende Recht an den Zügen juristisch durchzusetzen. Ein Trick ist das Hausrecht: Jeder Besucher in Moskau verpflichtet sich, nichts von einer Partie nach draußen zu geben, solange sie läuft. Gleiches gilt für die von Agon betriebene Live-Übertragung. Jeder Zuschauer im Netz muss sich mit seiner E-Mail-Adresse einloggen und verpflichtet sich, indem er es tut, zum Schweigen.

Für die vielen Schachinformations-Plattformen im Netz heißt das: Sie können die zur Übertragung notwendigen Daten nur unrechtmäßig erlangen und machen sich damit möglicherweise strafbar. In Warnschreiben aus Moskau ist von bis zu zehn Jahren Haft die Rede. Sibirien lässt grüßen.

Zu spüren bekommen hat das die Hamburger Schachseite Chess 24, die Turniere aus aller Welt überträgt und in Kooperation mit ZEIT ONLINE auch die letzte Weltmeisterschaft begleitet hat. Chess 24 hält sich nicht an das Verbot und teilt jede Partie Zug für Zug mit – so gut es eben geht, wenn man die Züge nicht aus der Quelle schöpfen kann.

Moskau reagierte prompt. Einem Chess-24-Mitarbeiter, der zum  Turnier angereist war, wurde die Akkreditierung entzogen. Der Mann durfte den Turniersaal nicht betreten. Er soll die Stadt aus Sorge um seine Sicherheit sofort verlassen haben. Das erzählt man sich. Chess 24 gibt keine Auskunft dazu; man will die Situation offenbar nicht weiter verschärfen.

Andere Anbieter sind noch vorsichtiger. Die wichtigste amerikanische Webseite Chess.com verzichtet auf die Live-Übertragung aus Moskau, desgleichen Chessdom.com  aus Serbien und – wiewohl in Sofia damals ja siegreich gewesen – Chessbase aus Hamburg. 

Spiegel Online,  jüngst auch in die Schachberichterstattung eingestiegen, missachtet zwar das Moskauer Verbot, beschränkt sich in seinem Live-Blog aber auf eine sehr spärliche Darstellung. Stellungsdiagramme gibt es nur alle paar Züge einmal. Die Redaktion will sich dazu nicht äußern; zu hören ist allerdings, dass man mit dem Veranstalter ins Geschäft habe kommen wollen,  jedoch ohne Antwort geblieben sei.

Agon mit unzugänglicher Übertragung

Ilya Merenzon, der russische Geschäftsführer von Agon, gibt widersprüchliche Auskünfte. Einerseits behauptet er, mit Spiegel Online im Gespräch zu sein, andererseits sagt er, Agon wolle gar keine Lizenzen vergeben, sondern die Übertragung zunächst einmal ganz für sich haben, um das Potential auszuloten. Einzig der norwegische Fernsehsender NRK und das Osloer Medienhaus VG hätten von Agon Lizenzen bekommen, weil im schachbegeisterten Heimatland von Magnus Carlsen an ihnen nun mal kein Weg vorbeiführe.

Agon versucht über die Monopolisierung, mehr und bessere Sponsoren zu gewinnen. Dem Schachpublikum könnte das durchaus recht sein, wenn Agons Live-Übertragung  nicht so unzulänglich wäre. Gezeigt werden zwar aktuelle Stellungsdiagramme, aber weder kann man sich eine Partie als Ganzes anschauen noch bei laufendem Spiel versuchsweise eigene Züge eingeben und vom Computer bewerten lassen oder gar unter Zuschauern darüber diskutieren – anderswo ist das längst Standard.

So lässt sich das Moskauer Kandidatenturnier global nur unter erschwerten Bedingungen verfolgen, was schade ist, denn es ist das zweitwichtigste Turnier des Jahres. Momentan geht von Runde zu Runde alles drunter und drüber. Hatte der unverwüstliche Inder Anand am Donnerstag noch den vorn liegenden Russen Karjakin bezwungen, wurde er am Karfreitag aus der Eröffnung heraus vom Amerikaner Nakamura zerstört. Anands Chancen auf den Turniersieg – und das Recht, den Weltmeister herauszufordern – haben sich damit sehr verringert bis erledigt.

Karjakin hingegen steckte die Niederlage gegen Anand weg und strich den Bulgaren Topalow wie ein Stück Butter vom Brett. Der amerikanische Mitfavorit Caruana hingegen kam gegen den Armenier Aronian über ein Remis nicht hinaus.

Karjakin oder Caruana? Das scheint nun die Frage zu sein, die in den beiden letzten Runden am Ostersonntag und Ostermontag entschieden wird. Beide haben 7 Punkte aus zwölf Runden. Anand folgt mit 6,5 Punkten vor Giri, Swidler und Aronian mit je 6.

Im Übrigen kann die Schachwelt nur hoffen, dass die juristischen Fragen nach dem Kandidatenturnier rasch geklärt werden, und sei es vor Gericht. Denn eine Weltmeisterschaft ohne zeitgemäße Live-Übertragung wäre der größte Schaden, den man dem Schach derzeit zufügen könnte – ganz unabhängig davon, wem die Züge nun gehören.