Was mag nur auf den Karten stehen? "Woran lag es?" © Rolf Vennenbernd/picture alliance/dpa

Ich habe viele Jahre gehofft, dass sie einmal etwas vergessen würden. Damals, Anfang der Neunziger, als ich klein war, das Fernsehen noch analog und das Internet aus Holz, wurde wöchentlich ein Spiel live übertragen. Das Topspiel. Die Vorberichte und Interviews liefen unverschlüsselt, jeder konnte sie sehen. Auch ich. Deshalb schaute ich jede Woche von neuem, wie die Mannschaften auf den Platz liefen, sich die Kapitäne die Hand gaben und die Schiedsrichter nach der Seitenwahl in die Kamera zwinkerten, weil eine Kamera auf dem Platz damals noch etwas Besonderes war. Meist liefen auch noch ein paar Sekunden des Spiels, eins, zwei, drei, vier, fünf, ehe dieses graue Bildrauschen kam, das Premiere damals Verschlüsselung nannte. Ich stellte mir vor, wie ein Premiere-Mitarbeiter jeden Samstag höhnisch den Hebel umlegt, und ich hoffte, irgendwann würde er es mal vergessen. Hat er natürlich nie.

Heute möchte ich Sky, wie es mittlerweile heißt, dennoch gratulieren, zu 25 Jahren Pay-TV-Fußball. Am 2. März 1991 stieg das erste Livespiel, eine Premiere auf Premiere. Eintracht Frankfurt gegen Kaiserslautern, 4:3, Andy Möller, so neunziger wie Tamagotchis und Beverly Hills 90210, machte drei Tore. Das erste schon nach drei Minuten, was das damalige Kommentatorentalent Reinhold Beckmann jubeln ließ: "Welch ein Auftakt!" Ja, welch ein Auftakt! Und wie es weiterging!

Nichts hat den Profifußball so verändert wie das Pay-TV. Mit ihm kamen der zerstückelte Spielplan, die TV-Konferenz, das Expertentum. Mit ihm kam vor allem Geld. Eine halbe Milliarde Euro sind es mittlerweile pro Saison, der größte Einnahmeposten der Bundesligaclubs. Dank Pay-TV kostet ein mittelmäßig begabter Bundesligaprofi so viel wie ein Kilometer Autobahn, dank Pay-TV werden Spielerberater Millionäre. Dank Pay-TV hat jeder Bundesligatorschütze drei Sportwagen in der Garage.

Neue Kneipenkultur etabliert

"Scheiß-Premiere", sangen die Fans deshalb früher. Weil es Fußballschauen zur Zweiklassengesellschaft machte. Weil es das Volksgut Bundesliga privatisierte. Das ging fast schief. Lange sah es so aus, als hätte Sky die Rechnung ohne die Deutschen gemacht. Die waren schlicht zu geizig. Eher würden sie sich an den Jägerzaun pinkeln lassen, als fürs Fernsehschauen Geld auszugeben. Deshalb war Sky eigentlich immer pleite. Und Leo Kirch mit dazu.

Vor 25 Jahren fürchtete man noch das Schlimmste. "Wenn uns Stadionbesucher in Massen verlorengehen, müssen wir allerdings reagieren", sagte der DFB-Pressesprecher 1991. Der hieß übrigens Wolfgang Niersbach. Heute sind die Stadien voller als je zuvor. Manchmal sogar voller als die Sofas vor den Fernsehern. Am Wochenende waren 54.356 Menschen im Stadion, um Stuttgart gegen Hannover zu sehen. Bei Sky waren es 20.000.

Mittlerweile aber gehört das Bezahlfernsehen dazu. Die Fans sahen irgendwann ein, dass sie machtlos waren. "Scheiß-Sky" ruft sich auch schlecht. Viele schauen selbst, zu Hause, ist ja auch bequem, oder in Kneipen. Das muss man ihm lassen, Sky hat eine neue Kneipenkultur etabliert, mehr als eine Million Leute sollen es jedes Wochenende sein. Auch wenn einem als Fan eines kleineren Clubs oft nur das verrauchte Hinterzimmer mit dem mickrigen Röhrenfernseher bleibt. Manchmal findet man dort aber auch neue Freunde, treffen sich die beiden Ingolstadt-Fans in Hamburg ...

Puristische Berichterstattung

Auch ich habe mich dran gewöhnt. Ich finde Sky okay. So okay wie den Typen aus der Klasse, der zwar ein Streber war, aber in dessen Haus am See man schöne Partys feiern konnte. Die jungen Fans können sich eine Bundesliga ohne Livespiele ohnehin nicht mehr vorstellen. Pay-TV wurde sogar zum Teil der Fußballgeschichte. Ohne die Livebilder, die im Mai 2001 über die Anzeigetafel so brutal ins bereits feiernde Gelsenkirchener Parkstadion flatterten, wäre die Trauer des Meisters der Herzen weit weniger emotional ausgefallen.

Und ja, sie machen gut, was sie machen. Sky gibt seiner Berichterstattung einen edlen Anstrich. "Premium-Produkt" ist zwar ein Begriff aus der Marketinghölle, aber er sorgt wenigstens dafür, dass der Sender versuchst, puristisch zu sein, weit entfernt von den Marktschreiern von ran und ranissimo, mit denen ich bundesligasozialisiert wurde. Sky überverkauft nur selten ein Spiel. Meist widersteht es der Versuchung, das eigene, teuer eingekaufte Produkt schönzureden.

Blöd: Die Expertitis

Man kann der Meinung sein, dass die schnieken Moderatorenanzüge mit den auf die Brust genähten Sky-Wappen so sehr in ein Fußballstadion passen wie Fanschals in eine Philharmonie. Muss man aber nicht. Die Kommentatoren sind kompetent und witzig und wortgewandter als die Kollegen der Öffentlich-Rechtlichen. Da sei den Senderbossen sogar verziehen, Marcel Reif und Fritz von Thurn und Taxis in einem Team zu versammeln. Das ist etwa so, als hätte Günter Netzer mit Eddy the Eagle in einer Mannschaft spielen müssen.

Auch die Konferenz ist toll. "Tor in Bremen!", "Rote Karte in Dortmund!", Radio mit Bildern. Zu Recht gab es dafür den deutschen Fernsehpreis. Nur, psssst, Sky, du liest hier bestimmt mit, es gibt da ein Problem: Viele behaupten, am Torschrei des Kommentators erkennen zu können, ob der Außenseiter ein Tor gemacht hat (aufgeregter Schrei) oder der Favorit (routinierter Schrei). Das halte ich für Quatsch, aber habt ihr schon bemerkt, dass immer, wenn irgendwo ein Tor fällt, und ihr zu diesem Spiel schaltet, schon der Stadionton einsetzt, bevor man sieht, welche Mannschaft jubelt. Für ein, zwei Sekunden kann man an der Lautstärke des Publikums erkennen, ob die Heim- oder Gastmannschaft getroffen hat. Ein Spoiler, die Spannung ist weg. Außer in Hoffenheim, da kann man nie wissen.

Sachfremde Kriterien bei der Personalauswahl

Blöd ist auch die Expertitis. Diese lange Tafel zum Topspiel auf dem Rasen, die Matthäuse und Merks und Fjörtöfts, die viel reden, aber wenig sagen. Nur weil jemand mal Bundesliga spielte, macht ihn das nicht zum Fachmann. Wer Weltfußballer war, sorgt nicht zwingend für einen fußballerischen Erkenntnisgewinn. Und Franz Beckenbauer. Wie ihm nach seiner Verwicklung in Fifa-Skandal und DFB-Affäre der Bauch gestreichelt wurde, wie ein Alibi-Interview geführt wurde, war so gar nicht premium, sondern ein wenig peinlich. Wenn ich mir eines wünschen könnte, dann mehr Kritik, mehr Kontroverse, auch einmal gegen die Liga, von der Sky lebt.

Und weniger High Heels an der Seitenlinie. Nicht, dass ich etwas gegen Fußballreporterinnen hätte, aber hochhackige Schuhe sind nicht gut für den Rasen und bei derart viel Haarspray und Mascara auf dem Platz sehne ich mich manchmal nach dem grienenden Rolf Töpperwien. Die Fieldreporterinnen machen ihre Sache ordentlich, aber dennoch drängt sich der Eindruck auf, als legte der Sender bei der Personalauswahl auch das ein oder andere sachfremde Kriterium an. Vielleicht ist es ja auch eine Masche: So manch Bundesligaprofi kommt bei Frauen womöglich eher ins Plaudern. Und wer hier Sexismus wittert, auch die männlichen Reporter sehen aus wie von Heidi Klum gecastet. Nur Rollo Fuhrmann nicht – und das ist als Kompliment gemeint.

Zum Abschluss, liebes Sky, noch ein paar Tipps: Dass du Kontrolleure in Kneipen schickst und die Preise für die Wirte erhöhst, ist nicht cool. Dein mobiler Service Sky Go ist so wackelig, dass er Sky Stop heißen müsste. Und wenn du schon jeden Monat viel Geld von den Leuten nimmst, lass doch bitte die Werbung sein. Auch die Selbstwerbung. Es sei denn, es gibt mal wieder einen Boxkampf des Jahrhunderts. Dann müsst ihr unbedingt noch einmal den scheidenden Marcel Reif engagieren, damit er dieses Event wieder genüsslich angewidert anpreisen kann.