Uerdingens Friedhelm Funkel bejubelt die Sensation © Friedemann Vetter/dpa

Es heißt, die Sieger schreiben die Geschichte. An diesem 19. März 1986 ist es Wolfgang Schäfer, der den Schlusspunkt setzt. Ein letzter Sprint, einmal noch kontert Uerdingens Stürmer, halbherzig verfolgt von seinem Dresdner Gegenspieler, nur noch den Torhüter vor sich. In der Mitte eilt ein Mitspieler heran, aber Schäfer bleibt egoistisch, schießt – und trifft nur den Torwart. Doch von dessen Bein prallt der Ball zurück an Schäfers Brust, sodass er den Ball einfach ins Tor schieben kann. 7:3 – die Entscheidung. Bayer 05 Uerdingen, der Werksclub aus Krefeld, steht im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger.

Keine halbe Stunde zuvor noch schien Dynamo Dresden sicher weiter. Das Hinspiel hatte der Favorit aus dem Osten mit 2:0 gewonnen. Zur Pause führte die Mannschaft, von der es heißt, sie spiele den schönsten Fußball in der DDR, 3:1. Zahlreiche Uerdinger Fans haben das Stadion bereits verlassen. Sechs Tore bräuchten die Uerdinger noch, um weiterzukommen.

In der Uerdinger Kabine herrscht Schweigen, bis Matthias Herget das Wort ergreift. Für den Kapitän hat dieses deutsch-deutsche Duell einen besonderen Hintergrund: Herget stammt aus Annaberg-Buchholz. Kurz nach seiner Geburt sind seine Eltern mit ihm von Sachsen nach Gelsenkirchen gezogen, wo sein Vater eine Stelle im Bergbau gefunden hatte. Als Kind hat Herget seine Ferien bei der Verwandtschaft im Erzgebirge verbracht. "Jetzt geht es nur noch darum, uns hier so gut wie möglich zu verkaufen", sagt er nun zu seinen Mitspielern. An einen Sieg glaubt er nicht mehr. Er denkt an Schadensbegrenzung, vor allem, weil an diesem Abend erstmals ein Spiel aus der Krefelder Grotenburg-Kampfbahn live im Fernsehen übertragen wird.

Plötzlich muss der 22-jährige Ersatztorwart ins Tor

Beim ZDF beschweren sich derweil verärgerte Zuschauer, warum der Sender nicht das Spiel der Bayern zeige, die zeitgleich beim RSC Anderlecht um den Einzug ins Halbfinale des Landesmeistercups spielen. Das ZDF hatte sich entschieden, das Duell Ost gegen West zu übertragen. Eine Fehlentscheidung, so scheint es. Noch.

In der Kabine der Dresdner herrscht trotz der Führung Unruhe. Der Torwart Bernd Jakubowski hat sich in der ersten Halbzeit bei einem Zusammenprall mit Wolfgang Funkel so schwer an der Schulter verletzt, dass er nicht mehr weiterspielen kann. Nun muss der 22-jährige Jens Ramme ins Tor, der noch kein Pflichtspiel für Dynamo bestritten hat.

"Es herrschte pure Angst", erinnert sich der damalige Trainer Klaus Sammer rund 20 Jahre später in der WDR-Dokumentation Das Fußballwunder von Uerdingen. Die Dresdner wissen, wie schnell ein Spiel kippen kann. Ein Jahr zuvor haben sie auch im Viertelfinale das Hinspiel gegen Rapid Wien deutlich mit 3:0 gewonnen – und im Rückspiel mit 0:5 verloren.

Als Wolfgang Funkel in der 58. Minute den Anschlusstreffer zum 2:3 per Elfmeter erzielt, glaubt noch niemand an die Wende. Doch in sieben Minuten dreht Uerdingen das Spiel und geht durch ein umstrittenes Tor von Stürmer Wolfgang Schäfer in Führung. Die Dresdner stehen völlig neben sich. 21 Minuten später steht es 6:3. Jetzt erst wachen die Dresdner auf, drängen auf den einen Treffer, der ihnen das Weiterkommen sichern würde. Doch Uerdingens Torwart Werner Vollack pariert gleich zwei Großchancen hintereinander.

Das Spiel für Devisen verloren?

Nur noch wenige Minuten sind zu spielen, als Stürmer Schäfer einem nach vorne geköpften Ball hinterher eilt. Die Dresdner Verteidiger sind weit aufgerückt, einen überlupft er noch vor der Mittellinie, dann hat er freie Bahn. Ein letzter Sprint. Der Rest ist Uerdinger Jubel. "Zugabe! Zugabe!", schallt es von den Rängen, die sich längst wieder gefüllt haben. Alle sprechen nur noch vom "Wunder von der Grotenburg", niemand davon, dass Bayern München in Anderlecht ausgeschieden ist.

Während draußen immer mehr Zuschauer auf den Rasen drängen, betritt Matthias Herget die Stille der Dresdner Kabine. Er holt sich Autogramme von allen Gegnern – wann trifft man schon auf Dörner, Minge, Lippmann und Co – und versucht sie aufzumuntern. Er ahnt, dass es für sie zu Hause nicht lustig werden wird.

Später heißt es sogar, Dynamo habe das Spiel bewusst verloren und dafür Devisen erhalten. "Ganz massive Gerüchte hat es ein Jahr zuvor nach dem Rapid-Spiel gegeben", sagt Ingolf Pleil, Autor des Buches Mielke, Macht und Meisterschaft: Dynamo Dresden im Visier der Stasi. "Aber über die Spieler ist nichts in den Stasi-Akten vermerkt, das auf eine Manipulation schließen ließe."