Die Kameras hören einfach nicht auf zu klicken, aber Yusra Mardini bleibt entspannt. Vor wenigen Monaten noch war ihr Leben in Gefahr, ihre Zukunft völlig offen. An diesem Freitagvormittag nun sind die Augen und Fotoapparate der Weltöffentlichkeit auf sie gerichtet: Mehr als 100 Reporter und rund 20 Kamerateams aus der ganzen Welt sind nach Berlin gekommen, um über die junge Schwimmerin aus Syrien zu berichten. Sie hat im September Berlin als Flüchtling erreicht und darf sich nun Hoffnungen machen, im August bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro anzutreten. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will geflüchteten Spitzensportlern die Möglichkeit geben, in Rio in einer eigenen Mannschaft anzutreten, als Refugee Olympic Athletes (ROA).

Und Yusra Mardini könnte die Sportlerin sein, die dem ROA-Team, der Flüchtlingskrise und dem humanitären Anliegen des Weltsports ein Gesicht gibt.

Das ist viel verlangt für jemanden, der gerade erst 18 Jahre alt geworden ist. Aber Mardini strahlt im Coubertinsaal des Landessportbundes eine große innere Ruhe aus und beantwortet jede Frage überlegt, charmant und souverän. "Es macht Spaß – aber gleichzeitig ist es auch verrückt", sagt sie über das enorme Medieninteresse. In Jeans, Kapuzenpulli und weißen Turnschuhen wirkt sie wie ein normaler Berliner Teenager. Ihre Geschichte ist aber alles andere als normal.

"Das Meer danach gehasst"

Im vergangenen Jahr flieht Yusra Mardini mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Sarah aus ihrem zerstörten Heimatland. In einem überfüllten Schlauchboot riskieren sie die Überfahrt von der türkischen Küste nach Lesbos. Als der Außenbordmotor versagt, droht das Boot zu sinken, kaum jemand an Bord kann schwimmen. Die beiden Schwestern, die als Leistungsschwimmerinnen mehrere syrische Meistertitel gewonnen haben, springen gemeinsam mit einem Mann ins Wasser und ziehen das Schlauchboot stundenlang durch die Nacht bis zum rettenden Ufer. "Es wäre eine Schande gewesen, wenn wir den Leuten nicht geholfen hätten", sagt Yusra Mardini und lächelt. "Natürlich habe ich das Meer danach erst mal gehasst."

Über die Balkanroute gelangt sie erst nach München und dann nach Berlin, hier stellt ein Übersetzer im Erstaufnahmelager den Kontakt zu den Wasserfreunden Spandau 04 her. Trainer Sven Spannekrebs nimmt sie in seine Trainingsgruppe auf. Mardini hat zwei Jahre lang nicht trainieren können, ihre Schwimmtechnik ist gut, die körperlichen Grundlagen aber fehlen. Deswegen denken der Trainer und seine Schwimmerin zunächst überhaupt nicht an Rio, Olympia 2020 in Tokio ist schon eher ein vages Ziel in weiter Ferne. "Aber jetzt ging alles schneller als gedacht", sagt Spannekrebs. "Wenn es passiert, passiert es."

Mal ein Auge zudrücken

Der Mann, von dem auf dem Weg Richtung Rio vieles abhängt, sitzt lächelnd neben Yusra Mardini. Der stellvertretende IOC-Generaldirektor Pere Miro koordiniert das Flüchtlingsteam für Rio. Bislang stehen 43 Sportler auf einer Kandidatenliste, 23 davon hat das IOC in einem Flüchtlingscamp in Kenia gefunden. Tatsächlich bei Olympia starten werden wohl fünf bis zehn Athleten. Dafür müssen sie einen von den Vereinten Nationen verifizierten Flüchtlingsstatus besitzen, auch der persönliche Hintergrund soll bei der Auswahl eine Rolle spielen – und das sportliche Leistungsvermögen. "Das Ziel ist, dass alle Sportler die Olympia-Normen erfüllen", sagt Miro.

Eigentlich müsste Yusra Mardini über 200 Meter Freistil 2:03,13 Minuten unterbieten, ihre Bestzeit aus Syrien liegt bei 2:11, vor Kurzem ist sie 2:15 geschwommen. Ein schwieriges Unterfangen also, auch wenn ihr Trainer ihre konzentrierte Trainingsarbeit und ihre Fortschritte lobt. Das IOC scheint aber durchaus gewillt, beim öffentlichkeitswirksamen ROA-Team ein Auge zuzudrücken. "Wenn ein Sportler die Norm knapp verfehlt, aber andere Werte mitbringt, die dem Image des Teams und der weltweiten Wahrnehmung dienen, werden wir das positiv bewerten", sagt Miro. Das IOC, so viel wird am Freitag klar, sieht in der Flüchtlingskrise nicht nur die Chance, Menschen in Not durch Sport zu helfen, sondern auch etwas für sein eigenes, angeschlagenes Image zu tun. Die Kampagne dazu läuft bereits.

Yusra Mardini kann das egal sein, für sie könnte ein Traum in Erfüllung gehen. "Rio ist für mich eine einmalige Chance", sagt sie. "Deswegen muss ich hart dafür arbeiten." Ihrer Symbolwirkung und Vorbildfunktion ist sie sich durchaus bewusst. "Ich hoffe, dass die anderen Flüchtlinge stolz auf mich sein können", sagt sie. "Ich hoffe, ich kann sie inspirieren, ihre Träume wahr zu machen."

Mehrere Reporter wollen von Yusra Mardini wissen, ob sie bei der Eröffnungsfeier in Rio lieber für das Flüchtlingsteam oder für Syrien ins Olympiastadion laufen wolle. "Darum geht es nicht. Ich werde einfach eine Sportlerin sein", sagt sie. Niemand werde sie fragen, für welches Land sie antrete, "und meine Gefühle werden dieselben sein".