An einem Montag im April hat Benjamin Köhler so ein Gefühl. Er zieht sein Telefon aus der Tasche und ruft Marina an, seine Frau. "Die haben mich ins Büro bestellt. Ich glaube, sie wollen, dass ich unterschreibe." Dann legt er auf – nur um sich kurz darauf wieder zu melden. "Okay, ist unterschrieben", sagt er. Ohne Betonung in der Stimme, emotionslos. Eine andere Frau würde ihren Mann jetzt fragen, ob alles in Ordnung mit ihm ist. Marina tut das nicht. Sie kennt ja ihren Benny. Sie weiß, dass alles bestens ist, wenn er so redet, wie er immer redet. Und sie weiß, worum es geht. Um ein neues Arbeitspapier für ihn, den Fußballprofi vom 1. FC Union Berlin. "Okay, ist unterschrieben", ist einer dieser kurzen Sätze, die bei ihrem Mann bedeuten können: super, großartig. Was für ein Gefühl. Der tollste Tag meines Lebens.

Benjamin Köhler, den alle, die ihn kennen, Benny nennen, tickt so. Wozu viel reden? Er ist einer, der nicht gern spricht, schon gar nicht über seine Gefühle. Er kann einen Ball tausend Mal mit dem Fuß jonglieren, ohne dass dieser auf den Boden fällt. Kein Problem. Reden schon. Marina weiß das. Marina versteht das.

Marina ist anders. Marina redet gern und viel. Sie, schwarze Haare, braune Augen, Tochter italienischer Einwanderer, ist der Gegenpol zu ihrem Mann, dem Okay-ist-unterschrieben-Typ. Über Benny sagt Marina: "Er ist der entspannteste Mensch der Welt." Nichts bringt Benny aus der Ruhe, auch nicht die Unterschrift des neuen Vertrags. Dabei zählt dieser Moment im April 2016 zu den bedeutendsten seiner Karriere.

Keine Titel, keine Pokale, trotzdem ein Siegertyp

Benny hat für Hertha BSC, den MSV Duisburg, Rot-Weiss Essen, Eintracht Frankfurt und den 1. FC Kaiserslautern gespielt, ehe er vor drei Jahren zu Union kam. Siebzehn Jahre Profifußball, über 400 Spiele, keine Titel, keine Pokale.

Ein Siegertyp ist er trotzdem. Er hat mit dem neuen Vertrag endgültig geschafft, was noch keinem deutschen Berufskollegen und nur ganz wenigen Sportlern auf der Welt vor ihm gelungen ist: sich nach einer überstandenen Krebserkrankung samt Chemotherapie wieder zurückzukämpfen. Im Alter von 35 Jahren, als Rentner, gemessen an den Maßstäben der Branche.

Abgeschuftet hat er sich dafür im Training, auch wenn er das so nicht sagt. "Gehört halt dazu." Wieder so ein typischer Benny-Satz. Gehört halt dazu, sich zu schinden, an Gewichten, bei Ausdauerläufen, die er so hasst – nur, um die verschwundenen Muskeln wieder aufzubauen. Auch wenn einige Mitspieler behaupten, er habe nie welche gehabt.

Benny ist kein Modellathlet. Nur 1,70 Meter klein, 68 Kilo leicht. Größe und Kraft hat er nie gebraucht, um sich auf dem Platz durchzusetzen. Ihm gehorcht der Ball wie nur wenigen Spielern, technisch macht ihm keiner was vor. Zu seinen besten Zeiten hat er die Gegner schwindlig gespielt mit seinen Übersteigern, Finten und flinken Haken. Zack, zack, zack – weg war er. Heute, im gehobenen Sportleralter, spielt er mit Auge, wie man so sagt. Wer schon vorher ahnt, was gleich passiert, muss nicht mehr so viel laufen.

Fit sein will Benny trotzdem. Dafür isst er inzwischen sogar Rote Bete, eklige Rote Bete, weil die angeblich gut für seinen Körper ist. Verdammt, Marina, muss das wirklich sein? Alles nur für den Augenblick, in dem sich die Zuschauer von ihren Sitzen erheben, in die Hände klatschen und mit Inbrunst seinen Namen brüllen: "Benjamin Kööööööööhler, Fußballgott!" Fußballgott, so rufen sie in der Alten Försterei, der Spielstätte des 1. FC Union Berlin, alle ihre Spieler. Benny findet das ziemlich cool.

Warum kein Häuschen im Süden und gut?

Um zu verstehen, warum jemand, der lange in der Bundesliga gespielt und genug Geld für ein sorgenfreies Leben verdient hat, es nach Krebserkrankung und Chemotherapie nicht einfach gut sein lässt und sich ein Häuschen im Süden kauft, muss man über ein Jahr zurückgehen.

Im Februar 2015 sitzen die Köhlers im Stadion auf der Tribüne, Union tritt an einem Samstag gegen den VfL Bochum an. Alle Welt weiß seit drei Tagen von Bennys Krankheit, Verein und Spieler haben sie öffentlich gemacht. Menschen haben sich gemeldet, um ihm Mut zu machen. Freunde, Kollegen, Bekannte und Leute, mit denen er noch nie ein Wort geredet hat. Toni Kroos zum Beispiel, der Nationalspieler von Real Madrid. Kroos schickte eine SMS, und Köhler fühlte sich noch mehr als ohnehin schon als Teil einer großen Gemeinschaft. Das ist es, was er am Fußball so liebt. Die Gemeinschaft. Ellenbogen ausfahren, Konkurrenzkampf, jeder für sich – Benny hat seinen Sport nie so gesehen. Auch nicht als Profi, von denen es heißt, jeder achtet an erster Stelle und an zweiter Stelle und an dritter Stelle auf sich. "Alleine geht gar nichts", sagt Benny.

Gegen Bochum sind sieben Minuten gespielt, als ein Gongschlag ertönt. Wie auf Kommando stellen sich alle Berliner Spieler in Bennys Blickrichtung auf. Sie tragen weiße Shirts mit einer roten Sieben, seiner Nummer. Darauf steht "Gemeinsam kämpfen", in der Kurve halten die Fans ein Banner hoch: "7 – eine Zahl für Zuversicht und Glück. Kämpfe, Benny, und komm zurück." Tränen laufen über sein Gesicht, tiefe Dankbarkeit erfüllt den sonst so Coolen, das sagt er später immer wieder. Er war ja schon überwältigt vom neuen Vertrag, den Union ihm gab, als der Verein vom Krebs erfuhr. Und nun das. Fans und Mitspieler feiern ihn, sprechen ihm Mut zu. Köhler will all denen, die an ihn glauben, etwas zurückgeben. Er schwört sich, tatsächlich zurückzukommen.

"Wie sich der Verein verhalten hat, wie die Fans reagiert haben, das alles hat Benny wahnsinnig bewegt. Daraus hat er viel Kraft gezogen", sagt Horst Köhler. Bennys Vater, 67 Jahre alt, sitzt in der Küche seiner Wohnung. Drei Zimmer, Erdgeschoss, eine moderne Wohnanlage im Berliner Norden. Vor ihm auf dem kleinen Tisch stapeln sich die Ordner. Sieben an der Zahl, "am achten bin ich gerade dran". Horst Köhler hat die Karriere seines Sohnes nicht nur genau verfolgt, er hat sie gesammelt. Jeden Artikel, von den Anfängen bis zum heutigen Tag. Ein Fußballerleben auf über 500 Seiten. In den Siebzigern ist er selbst Fußballer gewesen, ein passabler, Stürmer, Zweite Liga bei Wacker 04. Klein und wuselig wie sein Sohn, nur kräftiger vom Wuchs.

Nach der Karriere wurde er Trainer, Jugendbereich, bis zu seinem 16. Lebensjahr hatte Benny kaum einen anderen. Manchmal murrten andere Eltern, weil ihre Kinder nicht spielten und Benny immer. "Insgesamt war das aber nie ein Problem, weil Benny so gut war. Jeder konnte sehen, dass er ins Team gehörte." Zahlen belegen das. In einer Saison schießt der Sohn für Lübars 63 Tore. Der zweitbeste Schütze kommt auf zwölf. Horst Köhler erinnert sich gern an diese Zeit zurück. An die unbeschwerten Nachmittage auf dem Platz. Sie, die beiden Köhler-Männer, rund um die Uhr mit Fußball beschäftigt.