Eins vorweg: Das hier soll kein Mimimi sein, keine Ausrede. Der FC Bayern ist ausgeschieden, unglücklich zwar, aber regelkonform. Kein Spieler klagte, auch kein Trainer, nur Karl-Heinz Rummenigge beschwerte sich wenig stilvoll über den Schiedsrichter. Es soll also nicht so klingen, als ob wir als deutsches Medium ein schlechter Verlierer wären, auch wenn wir gestern geschrieben haben, dass wir dem FC Bayern ausnahmsweise mal das Weiterkommen gönnen. Wir haben über das im Folgenden erklärte Phänomen auch schon geschrieben, als die Bayern dadurch weitergekommen sind. Dennoch bietet der Dienstagabend erneut Gelegenheit, über eine Regel nachzudenken, die so sehr in Stein gemeißelt scheint, dass kaum noch jemand ihren Sinn bezweifelt: die Auswärtstorregel.

Die Bayern haben das Hinspiel 0:1 verloren, das Rückspiel 2:1 gewonnen. In Summe also ein 2:2, mehr Unentschieden geht nicht. Gar nicht so einfach, Fußballlaien, die am Dienstag sicherlich öfter zugeschaut haben als sonst, zu erklären, warum nun Atlético im Finale steht und Bayern nicht. Die Erklärung ist scheinbar einfach: Weil Atlético ein Auswärtstor geschossen hat, und bei Gleichstand entscheidet eben die Zahl der geschossenen Auswärtstore. Aber hat das Sinn?

Warum sollte ein Tor mehr wert sein als ein anderes? Warum ist der Ort eines Treffers wichtig? Warum sollte ein Team weiterkommen, das in beiden Spielen genauso viele Tore geschossen hat wie der Gegner? Ist es nicht unlogisch, dass eine Mannschaft sich mit dieser Regel bis ins Finale spielen kann, ohne ein einziges Spiel zu gewinnen?

Angenommen, ein Hinspiel geht 0:0 aus. Ein Abwehrspieler der Heimmannschaft weiß, ein Fehler im Rückspiel heißt, dass sein Team nun doppelten Aufwand betreiben muss, um diesen Fehler wieder gutzumachen. Es muss 2:1 gewinnen. Hätte der Abwehrspieler im Hinspiel, also auswärts, diesen Fehler gemacht, hätten seine Stürmer nur ein Tor schießen müssen, um es zumindest in die Verlängerung zu schaffen. Nach einem Fehler daheim braucht es ein Tor mehr, als der Gegner geschossen hat. Wieso?

Als die Regel 1965 eingeführt wurde, mag es gute Gründe gegeben haben. Sie sollte das Leben für das Auswärtsteam leichter machen. Auswärtsteams hatten es damals schwer. Die Reisen waren lang und unkomfortabel, die Stadien und ihr Rasen nicht genormt wie heute. Schiedsrichter hatten den Ruf, sich von der Heimatmosphäre beeinflussen zu lassen. Deshalb wurde dem Auswärtsteam ein minimaler Vorteil verschafft.

Der Hauptgrund: Die Gäste sollten offensiver spielen, sich nicht vor dem eigenen Tor verbarrikadieren. Sie sollten stattdessen auch einmal versuchen, ein Tor zu schießen, weil ein 1:2 eben attraktiver wurde als ein 0:1. So weit, so verständlich.

Doch für viele hat sich der Sinn der Regel umgekehrt. Heimmannschaften sind vorsichtiger geworden, weil ein Gegentor doppelt wehtut. "Die Auswärtstorregel ermutigt dich, zu Hause zu verteidigen und auswärts anzugreifen", sagte kürzlich Arsene Wenger, der die Regel schon seit Langem kritisiert.