In der Saison 1990/91 erlitt die DDR-Oberliga den Fußballtod. Doch im kollektiven Gedächtnis Fußballdeutschlands blieb sie nicht durch ihre Sammers, Thoms und Kirstens. Ausufernde Hooliganrandale, ein von der Polizei erschossener Fußballfan, geplünderte Läden und verwüstete Einkaufspassagen schafften es auf die Titelseiten. Auch der DFB ergab sich hilflos in sein Schicksal und sagte das für Mitte November 1990 geplante Vereinigungsländerspiel in Leipzig "aus Sicherheitsgründen" einfach ab. Besonders die gewaltbereite Fraktion des FC Berlin (ehemals BFC Dynamo), prägte eine ganze Saison. "Anarchie in Ostberlin" konstatierten Bild und Heribert Faßbender und schickten die Bilder der Randale direkt in die Wohnzimmer der verschreckten Westdeutschen.

"Wenigstens in der Randalestatistik waren wir Ostdeutschen lange Zeit deutschlandweit die Nummer 1", trösteten sich die Hooligans in den ostdeutschen Gefilden. Die schlecht organisierte und unterbesetzte Polizei, zu DDR-Zeiten Vollstreckungsgehilfe der SED-Diktatur, blieb im Kampf mit den Hooligans häufig zweiter Sieger.

Tom* war ein aktiver Teilnehmer der Fußballkrawalle. Er besucht noch immer gelegentlich die Spiele seines BFC Dynamo, der sich am 19. Februar 1990 in FC Berlin umbenannt hatte (erst 1999 erfolgte die Rückbenennung in BFC Dynamo). Heute lebt er am Rand von Berlin und arbeitet in einer Führungsposition in einem Unternehmen in der freien Wirtschaft.

"1990 war ich 20. Zum BFC ging ich seit meinem fünften Lebensjahr, mein Vater hatte mich früh mitgenommen. Mit acht gründeten meine Schulfreunde und ich einen eigenen Fanclub. Mein erstes Auswärtsspiel mit dem BFC war 1983 in Magdeburg.

1990 war dank der vielen Abgänge in den Westen relativ schnell klar, dass mit der aktuellen Mannschaft kein Blumentopf zu gewinnen war. Wir haben dann unser Augenmerk auf andere Dinge gerichtet. Kurz vor der Wende waren viele BFCer nach West-Berlin ausgereist. Als die Mauer fiel, kamen die zurück und brachten einen gewissen Kleidungsstil mit, den wir alle klasse fanden und übernommen haben. Markenklamotten. Das war casualmäßig ein bisschen von England abgeguckt. Ein komplettes Outfit für einen Spieltag war schon mal 500 bis 1.000 Mark wert. Wir trugen Best Company, Iceberg, Adidas Torsion, Jacken von Chevignon oder Diesel, teilweise Stone Island.

Ich hab die zwei umgebügelt

Man musste schauen, woher man die Klamotten bekam. Es gab Leute, die haben Taschen gefunden, die vom LKW gefallen waren. Aus diesen Taschen haben wir uns dann für ein Drittel des Preises versorgt. Außerdem gab es das ein oder andere Auswärtsspiel, wo man seinen Kleiderschrank aufhübschen konnte. Ich erinnere mich gern an die Prager Straße in Dresden. Da hat man in einer größeren Gruppe reingeschaut und das Bezahlen immer wieder vergessen. In Elektroläden sind hundert Mann rein, abchecken. Kurz darauf sind die hundert Mann wieder raus, jeder hatte was in der Hand. Das lief ganz gewaltlos ab. Oft hatte man dabei ein Tuch vorm Mund und 'ne Ray-Ban auf der Nase. Damals ganz modern das Acid-Tuch. Das hatte jeder von uns dabei. Wenn man es nicht benutzte, hing es rechts am Körper in einer Lasche der Diesel-Jeans.  

Wir sind auswärts meist mit dem Zug gefahren, nur wenige hatten bereits ein schönes Westauto. Es war kein Problem, in die Städte zu gelangen, und dort das zu tun, was man wollte. Die Bullen waren in der Saison nicht immer ernsthafte Gegner. Der Respekt gegenüber der Polizei war gleich null. Vielen der älteren Fans war die Gängelung durch die DDR-Vopos noch bewusst, die drehten regelmäßig frei und lebten die neu gewonnene Freiheit mächtig aus.

Ich war behütet aufgewachsen und hatte zu DDR-Zeiten keine Probleme mit der Ordnungsmacht. Am Alex hab ich 1990 dann einmal erlebt, wie zwei Transportpolizisten zwei minderjährige BFCer verprügelt haben. Ich hab die zwei umgebügelt, mir die Trapomütze aufgesetzt und bin zu meinen Jungs zurück spaziert. Die organisierten Schlägereien gingen erst 1992, 1993 los. Die erste abgemachte Sache lief in Schlachtensee. BFC gegen Hamburg/Hannover. Ostberlin hat gewonnen, das ging dann fast die nächsten 20 Jahre so weiter.

Wir waren Kämpfer der Marke Straßenköter

1990 hatten wir im Osten keine ernsthaften Gegner. Wir sind öfter mal in Skinhead-Clubs, um dort große Trupps von Skins vorzufinden, mit denen wir uns kloppen konnten. Auch die 1.-Mai-Demo in Kreuzberg wurde regelmäßig von uns besucht, wir standen immer in der ersten Reihe, wenn eine nette Schlägerei lockte. Wir haben uns alle fit gehalten, aber nicht so wie heute, wo jeder einen Boxsack hängen hat.

Wir waren Kämpfer der Marke Straßenköter. 85 Prozent unserer Leute waren aber echte Fans des BFC. Wir hatten zu Ostzeiten als Fans des verhassten Stasivereins ordentlich Kloppe bezogen. Doch irgendwann sind wir stehen geblieben, haben uns gerade gemacht und das Blatt wendete sich. Unser Auftreten zog dann unheimlich viele Jungs an, die dieses Bad-Boy-Image lockte, es kam das ganze orientierungslose Jungvolk dazu, die auswärts aus hundert Leuten plötzlich tausend machten. So kam es zu dieser ordentlichen Truppe von Dritte-Halbzeit-Jungs.

Wir sind mit tausend Verrückten, von denen nicht einer einen Fanschal umhatte, irgendwo in Sachsen aufgetaucht und haben alles zerkloppt. Ich kenne Leute, die haben sich ganze Wohnungseinrichtungen bei Auswärtsspielen mitgenommen. Die sind mit Transportern vor den Läden aufgetaucht, haben ihren Zettel abgearbeitet und sind auch nur deshalb mitgefahren. Bei vielen Fahrten sind wir in die Tankstellen rein, man stand dann im Laden, es war alles umsonst, man wusste gar nicht, was man mitnehmen sollte, ham' wir irgend einen Scheiß mitgenommen. Der Kollege hatte seine Kasse geschnappt und sich irgendwo versteckt und seine Tankstelle aufgegeben. Es hat keinen interessiert, das sind alles Sachen, bei denen es nie zu einer Anzeige kam.

Wir hatten eine Fanfreundschaft mit Bochum, die waren ab und zu mit, zwei drei Herthaner auch, das war aber unbedeutend. Einmal waren wir mit 80 Mann in Braunschweig, da hab ich zum ersten Mal gesehen, wie sich jemand Heroin gespritzt hat. In meiner Truppe waren Drogen und Alkohol verpönt. Bei uns gab's die Regel: Wenn wir wussten, es wird knallen, gab es auf der Hinfahrt keinen Alkohol.