Jetzt, wo es fast zu Ende ist, scheint Pep Guardiola Gefallen an seiner Rolle als Sonderling gefunden zu haben. "Ich bin noch nicht tot, my friend", sagte er vor dem Rückspiel gegen Atlético Madrid und schaute aus seinen dunklen, großen Augen, als ob es ihm Spaß mache, schon abgeschrieben zu sein. "Nach dem Spiel you kill me", sagte er. "Ich habe noch ein bullet, still." Nein, Guardiola ist noch nicht tot. Aber die Nachrufe sind schon geschrieben. 

Sollte der FC Bayern im Halbfinale der Champions League an Atlético scheitern, was nach dem 0:1 im Hinspiel nicht unwahrscheinlich ist, wird Guardiola den Stempel "Gescheitert!" aufgedrückt bekommen. Was sollte der ganze Rummel, seine Rumhampelei, sein verschrobenes Deutsch? Der beste Trainer der Welt, pffff, er kann ja nicht einmal die Champions League gewinnen, wie es der bodenständige Jupp Heynckes vorgemacht hat. So wird es zu lesen sein. Mit Schadenfreude, Häme und Unlust am Denken wird der einst so hochgelobte Katalane zurechtgestutzt werden. Es wäre so falsch.

Nur ein Weiterkommen gegen Atlético und ein gutes Spiel im Finale kann diesen Defätismus verhindern. Es steht heute also mehr auf dem Spiel als nur ein Spiel. Es geht um Guardiolas Erbe und damit auch um die Zukunft des deutschen Fußballs. Dieses Spiel beantwortet die Frage, ob der Katalane als Kauz oder Triumphator in die deutsche Fußballgeschichte eingeht. Daumen hoch oder Daumen runter – diese Entscheidung könnte das Klima im Fußballland auf Jahre hinaus prägen.

Es gibt genug Gründe, Guardiola nicht zu mögen

Verliert Guardiola, wird die Oberflächlichkeit gewinnen. Die Engstirnigen werden die Debatte prägen, die Rückwärtsgewandten. Meist selbstgerechte Experten und Journalisten, die in oberflächlichen Fußballtalkshows sitzen und sich mit ihren einfachen Parolen dem Applaus des Stammtischs sicher sein können. Ihnen geht es weniger um die Sache als um Marktschreierei. Pep, der vermeintliche Übertrainer, ein Fehlschlag! Solche Schlagzeilen lassen sich am besten verkaufen. Meist sind es die Gleichen übrigens, die den Trainer einst auf dieselbe oberflächliche Art überhöht haben.

Die andere Seite ist leiser, weil differenzierter. Sie hat schon jetzt Mühe durchzudringen. Es sind die Aufgeschlossenen, die Progressiven, diejenigen, die an Fortschritt glauben, die Freunde des schönen Spiels. Guardiola müsste gewinnen, um ihnen Gehör zu verschaffen. Deshalb sollte jeder vorwärts denkende Mensch an diesem Dienstag für den FC Bayern sein. Egal, was er sonst über diesen Verein denkt. Bayern-Fan für einen Tag. Es geht nicht anders.

Dies soll keine Lobhudelei auf Pep Guardiola als Person sein. Es gibt genug Gründe, ihn nicht zu mögen. Seine Weigerung, Interviews zu geben. Seine albernen Toptoptop-Lobpreisungen eigenen Spielern gegenüber, die er so oft benutzte, dass sie irgendwann wertlos wurden. Seine Eiseskälte hinsichtlich bayerischer Fußballgepflogenheiten. Sein Werben für Katar. Aber das alles ändert nichts daran, dass der Mann ein großartiger Fußballtrainer ist.

Noch nie hat eine deutsche Mannschaft so schönen Fußball gespielt

In München wird er in drei Jahren dreimal Meister geworden sein, sofern nicht noch etwas ganz Verrücktes passiert. Zweimal hatten die Bayern einen beinahe unwirklichen Vorsprung auf den Vizemeister. In diesem Jahr ist es nur so eng, weil der BVB als bester Zweiter aller Zeiten eine hinreißende Saison spielt. Kaum ein Bundesligarekord, den Guardiolas Bayern in diesen drei Jahren nicht geknackt haben: die meisten Punkte, die meisten Siege in Serie, die meisten Spiele ohne Niederlage, der beste Saisonstart, der größte Vorsprung vor dem Zweiten, die meisten Spiele ohne Gegentor, die wenigsten Gegentore.

Noch mehr als Zahlen spricht das Spiel des FC Bayern für Guardiola. Auch wenn die Form des Teams schon besser war als in diesem Frühjahr 2016 – noch nie hat eine deutsche Mannschaft ihre Gegner so dominiert. Noch nie waren Spiele so einseitig. Das war, besonders gegen schwächere Gegner, nicht immer schön anzusehen, aber es war faszinierend und schon gar nicht Guardiolas Schuld. An guten Tagen ist das Positionsspiel der Bayern wie ein Tanz. Jeder Pass hat Sinn, alles fließt. Noch nie hat eine deutsche Mannschaft so schönen Fußball gespielt, vor allem in Guardiolas ersten Jahren. Die Betonung liegt auf: gespielt. Das 3:1 der Bayern bei Manchester City im Oktober 2013 war nahe an der Perfektion.

Nur die Champions League hat Guardiola noch nicht gewonnen. Dieser Titel gilt als einziger Maßstab für den Erfolg und Misserfolg des Trainers. Wie vermessen ist es aber, einen Trainer als gescheitert abzustempeln, nur weil er nicht den am schwersten zu erringenden Fußballtitel der Welt holt? Gegen Mannschaften, die teils noch viel größere Möglichkeiten und viel vollere Taschen haben? Solche Titel lassen sich nicht planen, wegen der Konkurrenz, der Tagesform, des Pechs. Dass Guardiola dreimal in drei Jahren im Halbfinale stand, was vor ihm kein anderer Bayern-Trainer schaffte, spielt keine große Rolle mehr.