ZEIT ONLINE: Liebe Frau Ferhad, lieber Herr Weiss, wir wollen heute über Vielfalt im Sport sprechen. Zunächst eine Frage, die das ganze Land, aber auch den Sport betrifft: Die AfD ist im Aufwind, eine Partei, in der Fremdenfeinde führende Positionen innehaben. Was heißt das für den Sport? Hält er an seinem Kurs fest, wird er weiter für Integration stehen und werben?

Ingo Weiss: Ganz klar, ja. Der deutsche Sport steht für Vielfalt. In der AfD verfolgen einige fatale Ziele, ihr Programm ist aus der Vergangenheit. Frauen sollen zurück an den Herd und Muslimen macht man das Leben schwer. Wir vom DOSB haben aber starke Abwehrkräfte. Ich bin froh, dass sowohl das Präsidium als auch der Vorstand des DOSB Fremdenfeindlichkeit keine Chance geben und gemeinsam für Weltoffenheit stehen.

Breschkai Ferhad ist in Berlin geboren, ihre Eltern stammen aus Afghanistan. Mit ihrer Arbeit für verschiedene Organisationen fördert sie seit Jahren die Themen Demokratie und Toleranz, von 2010 bis 2014 für den Berliner Fußballverband. Zurzeit leitet sie die Koordinierungsstelle der Neuen Deutschen Organisationen. © privat

Breschkai Ferhad: Rassismus gab es in Deutschland schon immer, auch vor den Erfolgen der AfD. Davon weiß jeder zu berichten, der in Deutschland lebt und nicht weiß ist, auch ich. Zurzeit erleben wir einen bedenklichen Rechtsruck, das sind die Spätfolgen Sarrazins. Der Sport kann Vorreiter einer Gegenbewegung sein. Allerdings bin ich skeptisch. Vieles, was ich von seinen Vertretern höre, sind nur Sonntagsreden. Und der deutsche Sport ist noch zu weiß, damit meine ich vor allem: Er wird fast ausschließlich von deutschen Männern geführt.

Weiss: Das stimmt nicht. Sie müssen nur mal auf die Homepage des Hochschulsports meiner Uni Münster, einer Basisorganisation, klicken, da lesen Sie als Erstes: "Wir sind bunt!" Und wir haben viele Programme ins Leben gerufen. Integration durch Sport, das große Projekt des DOSB, ist beispielhaft für gelungene Integrationsarbeit durch Sport, egal ob weiblich oder männlich.

ZEIT ONLINE: Kritiker sagen, der DOSB und die Deutsche Sportjugend seien vor allem erfolgreich darin, mit klugen Anträgen Steuergeld zu akquirieren.

Weiss: Wir leisten Integration aus Überzeugung und mit Erfolg. Schauen Sie nur mal zum Beispiel, wer in Deutschland Basketball spielt. Wir haben Spieler aus allen Ländern, nicht nur in den höchsten Ligen.

ZEIT ONLINE: Forscher sagen, der deutsche Vereinssport habe, von Fußball und Kampfsport abgesehen, wenig Anziehungskraft auf Kinder und Enkel von Migranten. Sie treiben zwar Sport, aber treten nicht in Vereine ein.

Weiss: Das stimmt nur zum Teil und da, wo es stimmt, gibt es Gründe, an denen wir so schnell nichts ändern können. Sportarten wie Handball oder Hockey haben in Ländern wie der Türkei oder Griechenland nun mal keine Tradition.

Ferhad: Aber das kann doch in der dritten Generation der Einwanderer nicht mehr der entscheidende Grund sein. Ich habe den Eindruck, vielen Sportarten ist das Thema nicht so wichtig.

Weiss: Ich gebe zu, es gibt noch viele Menschen, Jugendliche, Kinder mit Migrationshintergrund, um die sich der Sport intensiver bemühen muss.

Ferhad: Ich möchte etwas Generelles sagen: Ich bin hier geboren, mein Sohn auch. Ich wäre tödlich beleidigt, wenn man um ihn mit einem Programm werben müsste. Ohnehin klingt Migrationshintergrund nach Krankheit. Im Spaß sage ich immer "m. H.". Dieses sprachliche Anhängsel verrät den defizitären Blick derjenigen, die es äußern.

Ingo Weiss ist seit 2002 Vorsitzender der Deutschen Sportjugend, dadurch Mitglied im Präsidium des DOSB und seit 2006 Präsident des Deutschen Basketball Bundes. © David Ebener/dpa

Weiss: Das will ich mir gerne zu Herzen nehmen. Verraten Sie mir bitte, wie wir sensibler mit dem Thema umgehen können?

Ferhad: Die Frage, wenn man auf jemanden Neuen zugeht, sollte jedenfalls nicht sein: Was fehlt ihr oder ihm? Sondern: Was bringt sie oder er mit, von dem wir, als Verein zum Beispiel, profitieren können?

Weiss: Glauben Sie mir, ich als Basketballpräsident will alle, den Deutschen, den Türken, den Griechen, den Syrer. Herkunft und Pass sind mir gleich. Wir brauchen Spielerinnen und Spieler, egal woher.

ZEIT ONLINE: Kommen wir noch mal zum Handball. Vertreter des Verbands, das sagen sie selbst, haben das Thema lange vernachlässigt, inzwischen aber als Problem erkannt. Weil ihnen an der Basis die Mitglieder ausgehen, gehen sie nun in Schulen, mit dem ausdrücklichen Ziel, Kinder und Enkel von Migranten zu gewinnen.

Ferhad: Das ist ein Schlüssel zum Erfolg. Verbände und Vereine sollten die Zusammenarbeit mit der Schule ausbauen, da ließe sich sehr viel verbessern. Ein Verein wie Alba Berlin macht das seit Jahren gut und erfolgreich, das weiß ich aus meiner Zeit im Berliner Sport. Daran können sich andere was abschauen.

Weiss: Ich will aber einem Eindruck entgegentreten. Nur weil in manchen Sportarten möglicherweise Kinder von Migranten unterrepräsentiert sind, heißt das doch noch lange nicht, dass Ausländerhass oder Fremdenfeindlichkeit die Ursache ist. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Basketball mehr ein Straßensport ist. Auf Schulhöfen oder in Parks hängen eher Körbe, als dass dort Tore stehen.

ZEIT ONLINE: Auf Fremdenfeindlichkeit wollte ich auch nicht hinaus. Aber vielleicht gibt es unterschwellige Signale. Ist Handball vielleicht zu Turnvater-Jahn-haft, zu altdeutsch, uncool?

Ferhad: Würde man ein Ranking aufstellen, welcher Sport der alten Bundesrepublik am meisten ähnelt, wäre Handball sicher nicht an letzter Stelle.

ZEIT ONLINE: Sie meinen Kistenbier und Fleischsalat im Vereinsheim?

Weiss: Basketball ist jedenfalls urbaner, undeutscher, wenn Sie so wollen. Da hat es der Basketball vielleicht leichter. Ich glaube aber, dass es im Handball einfach noch ein bisschen Zeit braucht. Es gibt längst bunt zusammengewürfelte Kinder- und Jugendmannschaften dort, wo viel Handball gespielt wird. Das muss sich entwickeln. Im Basketball haben wir nun auch ein Vorbild, Dennis Schröder. Von ihm profitieren wir sportlich, aber auch von seiner Ausstrahlung. Er hat durch den Basketball einen starken sozialen Aufstieg erlebt.

ZEIT ONLINE: Er wurde aber lange von Vereinen übersehen und lernte das Spiel auf der Straße.

Weiss: Stimmt. In Deutschland spielen 700.000 Menschen Basketball, allerdings nur 200.000 im Verein. Da hätte ich tatsächlich gerne mehr. Ich hoffe, der Erfolg von Dennis zieht auch andere mit.