Über den Rechtsruck in deutschen Fankurven haben wir schon oft berichtet. Hier lassen wir einen alternativen Ultra zu Wort kommen, der von der Gewalt betroffen ist. Er möchte anonym bleiben.

"Ich bin aktiver Fußballfan, manche würden mich als Ultra bezeichnen. Ich stamme aus dem alternativen Spektrum, bin 30 Jahre alt, nicht vorbestraft, habe studiert und einen Job. Mit ein paar Kumpels habe ich vor einigen Jahren eine Ultragruppe gegründet, im Herzen Nordrhein-Westfalens. Wir unterstützen den größten Verein unserer Stadt, der am Wochenende Zuschauer im unteren vierstelligen Bereich begrüßt. Wenn es gut läuft. Meist sind es aber deutlich weniger, was ziemlich peinlich ist.

Unsere Crew zählt 30 Leute, auch einige Frauen machen mit, was in dieser sonst leider sehr männlich dominierten Szene nicht oft vorkommt. Bei uns gibt es Linke genauso wie Mitglieder von CDU und FDP, es gibt Akademiker und Studenten. Wir haben Spaß daran, unsere Mannschaft zu unterstützen. Wir singen und trinken gerne. Und wir wollen Fußball ohne Ausgrenzung. Kein Rassismus, keine Homophobie, keinen rechten Scheiß. Deshalb fingen unsere Probleme an.

Vor zwei Jahren erkannten wir im Stadion einige stadtbekannte Nazis und ihr Gefolge. Von Woche zu Woche wurden sie mehr. Sie hatten kurze Haare oder Glatzen, besoffene und stämmige Typen. Auf sie passten viele Klischees, nur trugen sie Turnschuhe statt Springerstiefel. Sie sangen ihre Lieder, sie zündeten Pyrotechnik, sie provozierten. Es wurde brenzlig. Machten wir eine Choreographie, die für sie zu links war, machten sie sich bemerkbar. Sie beleidigten und drohten.

Sie sind in der Überzahl und meist kräftiger

Wir suchten die Entspannung. Unseren Platz in der Kurve wollten wir behalten, den körperlichen Kampf aber vermeiden. Die Nazis sind gewaltbereit, einige suchen die Gewalt auch, sie möchten ihre Stärke und Dominanz dauerhaft beweisen. Manche fahren bald ein, andere kommen gerade raus. Sie sind in der Überzahl und meist kräftiger. Wir trafen uns zum Gespräch, zwei von ihnen und zwei von uns. Oberflächliche Nettigkeiten, Distanzierungen ihrerseits. Sie sagten: 'Nehmt das nicht so ernst, wir möchten keinen Stress. Wir wollen nur keine Politik im Stadion. Wir wollen eine breite Szene und den Verein laut unterstützen, auch ihr gehört dazu. Nur Fußball.'

Es war ein Burgfrieden, wir arrangierten uns. Später wussten wir: Wenn führende Ultras gegen Politik wettern und selbstverständliche Statements gegen Homophobie und Rassismus als Politik sehen, ist das kein gutes Zeichen. Wer die menschlichen Grundwerte und Toleranz nicht als selbstverständlich ansieht und sich klar gegen solche wehrt, ist definitiv ins rechte Spektrum einzuordnen. Wer das als Politik bezeichnet, die nicht ins Stadion gehört, macht in der Kurve rechte Politik.

Im Stadion stehen wir in getrennten Bereichen, doch am Würstchenstand und bei den Toiletten treffen sich unsere Wege zwangsweise. Immer häufiger wurden wir angepöbelt, als Nestbeschmutzer bezeichnet. Bei manchen Spielen mussten wir uns wegen Vorgaben des Vereins die Tribüne teilen, wir stellten uns auf die andere Seite, so weit weg wie möglich, dennoch bekamen wir unangenehmen Besuch. Es blieb nicht bei verbalen Attacken, auch körperlich wurden wir angegangen.

Sie verfolgten uns

Auch die An- und Abreise vom Stadion machte uns zunehmend nervös. Der Verein wies uns an, nicht den Hauptausgang zu nutzen. Wir sollten der anderen Gruppe nicht begegnen. Uns blieben die dicht bewachsenen Wege am Rande des Stadions. Wir bestimmten Spotter, die auskundschaften sollten, welcher Pfad der sicherste ist. Einen Monat später wurden wir trotzdem attackiert.

Unsere Wege kreuzten sich nach einem Spiel außerhalb des Stadions. Sie verfolgten uns, waren mit Sturmhauben maskiert. Sie wollten, dass wir uns stellen, wir wichen aus, hatten keine Lust auf Auseinandersetzungen. Wir informierten die Polizei.