Zum Bremer Weserstadion führt nur eine Zufahrt. Sie geht erst sachte bergab, krümmt sich in eine Rechtskurve, dann kommt schon das Stadion. Links liegt ein Damm, Bäume säumen den Weg. An gewöhnlichen Tagen traben hier nur Jogger lang, aber was ist schon normal im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga?

Am Samstag drängeln sich hier schon Stunden vor dem Anpfiff Tausende in Grün und Weiß. Sie warten auf den Mannschaftsbus, bilden ein Geleit der Hoffnung. Seit Wochen zelebrieren die Werder-Fans die Ankunft ihres Teams. Singen Wonderwall von Oasis, halten ihre Schals hoch. An diesem Tag braucht der Bus zehn Minuten für 100 Meter. Die Spieler fotografieren mit ihren Smartphones durch die Scheiben, die Fans hämmern ihre Lust auf Bundesliga an den Bus. Bilder wie von einer Fanmeile im Weltmeisterrausch. Dabei war noch keine Sekunde gespielt.


Der letzte Spieltag der Saison schenkte den Zuschauern ein direktes Duell um den Abstieg. Bremen gegen Frankfurt, das Champions-League-Finale des kleinen Mannes. Zwei Clubs aus dem Mittelstand der Liga, die dieses Jahr gewaltig durch die Wochenenden schlingerten. Nur der Sieger des Spiels würde bleiben, der andere muss in die Relegation gegen Nürnberg. Würde Bremen verlieren und Stuttgart, der Dritte im Bunde, gewinnen, könnte Werder sogar direkt absteigen. Zehn Monate Bundesliga verdichteten sich auf einen Nachmittag.

Das Bremer Publikum ertüftelte einen Notfallplan für das letzte Röcheln der Saison. Es machte den Existenzkampf zum Event. Abstiegskampf? Feiertage waren das! Keine Ultras, die Trikots nach Niederlagen als Skalp einforderten, keine Pfiffe, keine Demütigungen verunsicherter Spieler. Stattdessen: Fröhlichkeit.

Die Spieler von Werder werden nach dem Spiel sagen, dass sie nie daran gezweifelt haben, schon allein der Fans wegen die Klasse zu sichern. Es waren vor allem die Fans, die die Klasse hielten. Trotz der oft miesen Spiele von Werder. Eine Stadt stand, als es drauf ankam, hinter ihrem Club. Bei jedem Bäcker, so schien es, bei jedem Frisör, hing ein Schal in der Auslage.

Bremen genoss den Existenzkampf

Dabei war die Konstellation bis vor Kurzem noch eine andere: Der Gegner aus Frankfurt dümpelte unter Armin Veh Richtung Zweite Liga. "Vor ein paar Wochen hätte ich es blind unterschrieben, wenn mir jemand die Relegation angeboten hätte", sagte der Stürmer Stefan Aigner. Dann kam Niko Kovač und hauchte der Truppe neues Leben ein, am vorletzten Wochenende gewann sie sogar gegen Dortmund. Frankfurt war plötzlich wieder obenauf, vor allem aber einen Punkt vor Bremen.

Auch in Bremen erhärtete sich vor dem Spiel der Eindruck, dass die Frankfurter Anhänger mutig, manche sogar übermütig sind. Als einige Minuten vor der Ankunft der Busse vier Frankfurter zögerlich die mit Tausenden Werder-Fans gesäumte Einfahrt hinunterschreiten, werden sie zu Beginn angesungen, zur Hälfte des Weges angebrüllt und schließlich, kurz vor dem Stadiontor, weggeschubst. Den Frankfurter Bus bewerfen die Bremer mit Flaschen und Eiern. Es bleiben die einzigen hektischen und unschönen Sekunden an diesem Nachmittag.