24 Mannschaften treten bei der Fußballeuropameisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT oder dem ZEIT MAGAZIN die Patenschaft übernommen. Unsere EM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie "ihre" Jungs porträtiert. Heute:

Frankreich

In Frankreich gehen die Menschen auch dann ins Theater, wenn sie ins Stadion gehen. In keinem anderen Land werden soziale Gegenwartsfragen so routiniert am Beispiel der Nationalmannschaft durchdekliniert wie hier. Gelegenheiten dazu bieten sich im Schnitt alle zwei Jahre: Im Jahr 2010 eröffnete die französische Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Franck Ribéry, weil der sich mit einer minderjährigen Prostituierten eingelassen hatte, was über mehrere Stationen letztlich dazu führte, dass er seinem Rauswurf aus der Nationalmannschaft mit seinem Rücktritt zuvorgekommen ist. Im Jahr 2012 beleidigte der Mittelfeldspieler Samir Nasri die Mutter eines Reporters so unzweideutig, dass er ebenfalls über mehrere Stationen aus dem Team geworfen wurde.

In diesem Jahr wird Karim Benzema bei der Fußball-EM im eigenen Land nicht dabei sein, weil er einem Vorstadtgangster, der im selben harten Banlieue von Lyon aufgewachsen ist, dabei geholfen haben soll, einen anderen französischen Nationalspieler mit einem Sextape zu erpressen. Mittlerweile hat sich aus seinem Ausschluss eine Rassismusdebatte entwickelt, an der außer Benzema noch Nationaltrainer Didier Deschamps, Éric Cantona und verschiedene Anwaltsbüros teilnehmen.

Gleichzeitig weigert sich die französische Nationalmannschaft beharrlich, deshalb schlechteren Fußball zu spielen und zaubert stattdessen immer wieder neue Talente aus dem Hut. Das zu Hause gelassene Offensivdreieck Benzema-Ribéry-Nasri, das jeder Mannschaft dieses Planeten gut zu Gesicht stehen würde, wird bei dieser Europameisterschaft kaum jemand vermissen, was vor allem an dem Offensivdreieck Griezmann-Coman-Pogba liegt. Oder alternativ an dem Ersatzdreieck Giroud-Matuidi-Kante, wobei in diesem Fall der unprominenteste Spieler, N'Golo Kanté, gerade mit Leicester City englischer Meister geworden ist.

Stromlinienförmig zum Titel?

Nach derzeitiger Aktenlage hat sich keiner dieser Spieler strafbar gemacht oder auch nur einen Putsch gegen den Trainer angezettelt, weshalb das wählerische französische Publikum gerade schon wieder erste Beschwerden anmeldet, nur dieses Mal eben genau andersherum: Die neue Generation der französischen Nationalspieler sei zu brav, zu stromlinienförmig und außerdem in einer abgeschotteten Internatswelt groß geworden, die mit dem echten Leben nichts mehr zu tun hat.

Wahr daran ist, dass diese Generation den französischen Fußballbetrieb früh hinter sich gelassen hat: Paul Pogba ist mit 16 zu Manchester United gewechselt und dirigiert seit vier Jahren Juventus Turin von einer Meisterschaft zur nächsten, Kingsley Coman hat bei Bayern München gerade im Alter von 19 Jahren seine vierte Meisterschaft im dritten Land gefeiert, Antoine Griezmann ist schon als 14-Jähriger nach Spanien gewechselt und der gerade 20-jährige Anthony Martial spielt auch schon wieder ein Jahr bei Manchester United.

Für den französischen Fußball ist die Ankunft dieser Strebergeneration wahrscheinlich trotzdem insgesamt eher eine gute Nachricht: Wer seine Jugend überwiegend in den Mehrbettzimmern der europäischen Elitejugendzentren verbracht hat, erpresst seine Mitspieler vielleicht nicht mehr ganz so leichtherzig. Nur das französische Publikum muss jetzt wieder ins Theater gehen, wenn es Theater sehen will.

Warum wird Frankreich Europameister?

Weil Frankreich schon bei der WM in Brasilien gegen den späteren Weltmeister Deutschland nur sehr knapp ausgeschieden ist und sich die Kräfteverhältnisse seitdem ein paar Zentimeter Richtung Frankreich verschoben haben.

Warum nicht?

Weil es dann doch ein gewisser Karim Benzema war, der damals kurz vor Schluss fast noch den Ausgleich erzielt hätte.

Wer ist der geheime Star?

Das ehemalige französische Kolonialreich: Zum ersten Mal tragen mehr dunkel- als hellhäutige Franzosen das blaue Trikot. In vielen Ländern Afrikas wird die Europameisterschaft sehr aufmerksam verfolgt. Schließlich spielen ihre Jungs um den Titel mit.