ZEIT ONLINE: Herr Pertsch, die Deutschen haben beim EM-Spiel gegen Polen kein Zielwasser getrunken, die Kabinenpredigt von Jogi Löw hat offenbar nicht gesessen. Was ist schiefgelaufen?

Sebastian Pertsch: Es gab viele Hammerpässe. Und Rudelbildung, Chaos im Strafraum. Ein Tor hätte dem Spiel gutgetan. Wäre es gefallen, dann bestimmt zu einem psychologisch wichtigen Zeitpunkt. Jogis Jungs haben den Einzug ins Achtelfinale nicht verpasst. Aber das runde Leder wollte halt nicht ins Tor. 

ZEIT ONLINE: Dann geht es jetzt ans Eingemachte: Was ist Ihre Lieblingsfußballfloskel? 

Pertsch: Ach, so richtig habe ich keine. Was mir aber bei der Berichterstattung zur EM auffällt: Es geht viel um Joker. Den Edeljoker natürlich, im Deutschlandspiel gestern aber auch um den Joker vom Dienst und den Torjoker. 

ZEIT ONLINE: André Schürrle?

Pertsch: Ja. Mir stellt sich die Frage, wie viele Joker es gibt pro Spiel. Beim Kartenspielen ist die Anzahl begrenzt, beim Fußball offenbar nicht. 

ZEIT ONLINE: Den Joker hatte ich noch gar nicht auf dem Zettel. Ich mag ja besonders "Die Mannschaften tasten sich ab". Und später haben beide Teams dann gern einen Dreier. 

Pertsch: Richtig. 

Sebastian Pertsch ist freiberuflicher Journalist. Seine Themen sind Journalismus, Sprache, Kultur und Technik. Zusammen mit Udo Stiehl betreibt er das sprach- und medienkritische Webprojekt Floskelwolke, für das sie 2015 mit dem Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik ausgezeichnet wurden. Die Floskelwolke konzentriert sich auf aktuelle Berichterstattung zu allen großen Themen. Zur Fußball-EM in Frankreich gibt es ein Fußball-Bingo. Bei Twitter ist das Projekt unter @Floskelwolke zu finden. © Jörg Wagner

ZEIT ONLINE: Im sprach- und medienkritischen Webprojekt Floskelwolke, das sie zusammen mit Udo Stiehl betreiben, bieten Sie ein Bullshit-Bingo zur Fußball-Europameisterschaft an. Was ist das genau? 

Pertsch: Bullshit-Bingo klingt sehr abwertend, deshalb nennen wir es Fußball-Bingo. Es sind natürlich schon Bullshit-Wörter dabei, aber das Anliegen unseres Projektes ist es, für Sprache zu sensibilisieren. In die Berichterstattung über Fußball fließen Floskeln ungemein häufig ein, das wollten wir mit unserem Bingospiel abbilden. Es gibt zehn Spielfelder mit jeweils fünf mal fünf Feldern, die jeweils eine Floskel enthalten – also 250 verschiedene Floskeln. Die Spielfelder ausdrucken, ausschneiden, dann kann man mit bis zu zehn Leuten spielen. Wer als Erstes fünf angekreuzte Felder waagerecht, senkrecht oder diagonal hat, hat gewonnen.

ZEIT ONLINE: Wie fallen die Reaktionen bislang aus? 

Pertsch: Wir haben es beim ersten Deutschlandspiel gegen die Ukraine veröffentlicht, rund 6.000-mal ist das Fußball-Bingo aufgerufen worden. In den vergangenen Tagen haben wir viel Fußball geguckt. Uns sind dabei so viele Floskeln aufgefallen, dass wir bald um weitere Bingo-Spielfelder erweitern können. Und per Twitter teilen uns Zuschauer täglich weitere Fußballfloskeln mit – besonders, wenn die Experten Scholl oder Kahn sprechen. Beim Spiel gegen Polen haben die Experten einen Schlüssel für die deutsche Mannschaft gesucht, später fahndeten sie nach einem Loch. Vermutlich lag darin der Schlüssel. Auch das Raumangebot war knapp – ob sich ein Spieler eine neue Wohnung suchen musste, wurde nicht mitgeteilt. Auch sehr schön: Oliver Kahn sprach von einem Wandspieler. Kannte ich bislang noch nicht. Und der Schildkrötenmodus war aktiv, obwohl die Spieler die Beine unter die Arme genommen hatten.

ZEIT ONLINE: Gab es neue Begriffe? 

Pertsch: Noch nicht gehört hatte ich von der Kaiserflanke. Die bezieht sich auf Franz Beckenbauer, der so genaue Flanken schlagen konnte. 

ZEIT ONLINE: Hat der ZDF-Kommentator Oliver Schmidt beim Spiel Deutschland gegen Polen sein Leistungsvermögen beim Floskeln denn wenigstens voll abgerufen? 

Pertsch: Also, eine Sektdusche hat er nicht bekommen. Da fehlten ihm die Ideen. Aber für uns hat er schon komisch aus der Wäsche geschaut.